14 Studierende der JLU nahmen im November 2018 an einer von Prof. Dr. Detlef Briesen geleiteten Exkursion nach Indien teil. Der folgende Erfahrungsbericht erzählt, dass dort zwar nicht alles immer so funktioniert wie geplant, sich am Ende aber doch immer eine Lösung findet.

Den Satz „There’s always a way in India” hörten wir direkt an unserem ersten Tag in Indien. Wir warn am Tempel von Mahabalipuram im Süden des Landes und völlig erschöpft. Gegen vier Uhr morgens waren wir in Indien angekommen – mittlerweile war es Mittag und die Ankunft im Hotel lag noch in weiter Ferne. Im Gegensatz zum kalten Deutschland waren die Temperaturen in Südindien noch weit über 20 Grad, sodass wir mit unseren Jacken und langen Klamotten schnell ins Schwitzen gerieten.

Ein Bekannter Dr. Briesens, ein Inder, erklärte uns, wie die Dinge in der Regel in Indien laufen: Es funktioniere zwar nicht immer so wie es soll, am Ende funktioniere es aber. Zu diesem Zeitpunkt war diese Ansichtsweise für uns eher amüsant – wir hatten es ja noch nicht selbst erlebt. Doch schon wenige Tage später erfuhren wir dieses Prinzip zum ersten Mal am eigenen Leib.

Die ersten Tage der Exkursion verbrachten wir im Süden Indiens, in Pondicherry. Dort kamen wir in Kontakt mit den Philosophien des Gurus Sri Aurobindo nach deren Vorbild nicht weit entfernt eine ganze Stadt entstanden war: Auroville. Dort sollte es darum gehen, dass Menschen aus aller Welt in Frieden zusammenlebten. Es gab keine Gesetze oder Religionen, dennoch war es ein spiritueller Ort. Das Zentrum der Stadt bildete der Matrimandir, ein gewaltiger goldener Tempel. In Auroville sollte das Wohl der Allgemeinheit über dem Eigenen stehen.

Diese Utopie kann sich jedoch nicht jeder leisten. Ein Jahr in einer Unterkunft in Auroville zu leben kostet mehrere Tausend Euro. Danach kann man sich dort ein Haus bauen – jedoch muss auch das aus eigener Tasche bezahlt werden. Und sollte man Auroville einmal verlassen, geht das Haus in den Besitz der Allgemeinheit über.

Der goldene Tempel Matrimandir in Auroville. Foto von Tatjana Döbert.

Diesen Ort wollten wir besuchen. Ein Kommilitone buchte eine Tour inklusive E-Fahrrädern, mit denen wir die Strecken in dem großen Areal bequem hätten zurücklegen können. So glaubte er zumindest. Am Abend vor der geplanten Tour schrieb ihm dann unsere Tour-Führerin, dass er die bereits vereinbarte Tour noch einmal hätte bestätigen müssen. Für einen Moment war nicht klar, was nun aus dem geplanten Ausflug werden würde.

Doch schnell bewahrheitete sich das gelernte Mantra und es wurde eine Lösung gefunden. Die Tour konnte wie geplant stattfinden – nur ohne E-Fahrräder. Auf diesen Luxus mussten wir verzichten. Als Ersatz gab es ganz gewöhnliche Leihräder. Bis jeder eines in seiner Größe gefunden hatte an dem alles funktionierte wie vorgesehen, verging nochmal eine Weile. Danach waren wir endlich abfahrbereit. Die Fahrten über das Gelände Aurovilles waren aufgrund der hohen Temperaturen recht anstrengend, doch getreu dem Motto: ein wenig Sport hat noch niemandem geschadet, hielten alle durch. Auch wenn die Meinungen über die Stadt am Ende des Tages geteilt waren, blieb der der Besuch in Auroville doch ein besonderes Erlebnis.

Anschließend führte die Exkursion auf dem Subkontinent weiter bis in den nördlichen Bundesstaat Rajasthan, wo wir zu Fuß einen Teil der Stadt Jaipur besichtigten. Bereits in Pondicherry erschien uns der Verkehr chaotisch, doch Jaipur schaffte es problemlos dieses Erlebnis noch zu steigern. Die Straßen waren berstend voll mit Fahrzeugen aller Art und aufgrund des in Indien typischen Dauer-Hupens war es fast unerträglich laut. Die Straße zu überqueren wurde zur Herkulesaufgabe und wir blieben als Gruppe so dicht beisammen, wie es nur irgend ging.

Auto-Rikschas vor dem India Gate in Neu Delhi. Foto von Gamze Tuncer.

Wenn wir uns sonst in den Städten bewegten, nahmen wir die für Indien typischen Auto-Rikschas. Diese sind klein, meist gelb-grün lackiert, hatte drei Räder und boten außer dem Fahrer drei bis vier Personen Platz. Zu den Seiten sind sie meist geöffnet, es sei denn eine Plane wird heruntergelassen. Die Auto-Rikschas funktionieren wie Taxis, jedoch um ein Vielfaches günstiger. Da sie so klein und leicht sind, gelangen sie im Verkehr schnell voran, allerdings kann eine Fahrt auch schnell etwas holprig geraten. Hat man sich jedoch erstmal daran gewöhnt, ist es ein sehr angenehmes Transportmittel.

An diesem Abend waren wir auf dem Weg in ein Restaurant, um etwas zu Essen und ausnahmsweise auf mehrere „richtige“ Taxis aufgeteilt. Aufgrund des chaotischen Verkehrs verlor man dabei die anderen schnell aus den Augen. Da im Normalfall jedoch immer alle zeitnah am gleichen Ort ankamen, war das kein Problem. Dieses Mal verlief es allerdings etwas anders.

Als wir im Restaurant ankamen, wurden wir zu unserem Tisch gebracht und mit Speisen versorgt. Einzig Herr Briesen und seine Kollegen aus Vietnam, die uns seit Beginn der Exkursion begleiteten, fehlten noch. Wir aßen zunächst unbeirrt weiter. Als der Nachtisch serviert wurde, fehlte von den Dreien allerdings immer noch jede Spur. Wir saßen am Tisch und schauten einer Tänzerin zu, die die Besucher des Restaurants an diesem Abend unterhielt. Herr Briesen und seine Begleiter waren noch immer nicht da und niemand wusste warum.

Endlich, nachdem wir längst mit dem Essen fertig waren, tauchten sie dann aber doch noch auf. Der Grund für die Verspätung: In Indien war gerade Wahlkampfzeit. In den Wochen vor einer Wahl dürfen die Parteien, wann immer sie wollen, Taxis zu Wahlkampfzwecken mieten und aus dem regulären Verkehr nehmen. Unglücklicherweise hatte sich jemand an diesem Abend genau das Taxi ausgesucht, mit dem Herr Briesen und seine Begleiter uns ins Restaurant folgen wollten. Erst als ein Neues organisiert war, konnten sie schließlich zu uns stoßen und ein verspätetes Abendessen genießen.

Die Tücken des indischen Verkehrs erlebte einige Tage später in Delhi auch einer unserer Kommilitonen. Als wir uns auf die Auto-Rikschas aufteilten, blieb er als einziger aus der Gruppe übrig. Dies merkten wir anderen jedoch erst, als wir nach der Ankunft an unserem Ziel durchzählten und feststellten, dass jemand fehlte. Schnell war festgestellt, wer fehlte. Allerdings wusste keiner, wo er war und wie wir ihn erreichen konnten.

Nach einigen ratlosen Minuten kam er schließlich verspätet doch bei uns an. Er saß gemeinsam mit zwei Indern in einer Auto-Rikscha, da der Fahrer nicht nur ihn alleine hatte fahren wollen. Deshalb musste er warten, bis sich noch zwei Mitfahrer fanden und sich der Fahrer endlich dazu bereiterklärte, mit unserem Kommilitonen zu uns zu fahren.

Auch wenn wir nun bereits erlebt hatten, dass in Indien nicht alles immer so lief wie geplant, glaubte doch zunächst keiner, dass sich das auch auf das Essen beziehen konnte. Doch auch hier wurden wir bald eines Besseren belehrt.

Als wir in Delhi ankamen, ist es bereits Abend. Im Gegensatz zu unseren vorherigen Aufenthalten wohnten wir dort allerdings nicht in einem Hotel, sondern im Gästehaus des IIT, des Indian Institute of Technology. Dieses befand sich am hinteren Ende des Campus, weshalb es fast eine halbe Stunde dauerte, diesen zu verlassen und endlich in eine Fußgängerzone voller Bars und Restaurants zu kommen.

Schnell hatten wir uns für eine Bar entschieden, da wir aber eine große Gruppe waren, war es nicht einfach einen Platz für uns alle zu finden. Wir wurden auf eine Empore über dem Hauptraum geführt auf der es zwar noch Sitzplätze gab, die sich jedoch nur hintereinander in einem schmalen Gang befanden. Wer am hinteren Tisch saß, konnte nicht am vorderen Tisch vorbeigehen, ohne dass alle anderen aufstehen mussten, um ihm Platz zu machen. Außerdem war die Decke so niedrig, dass niemand über 1,50m Körpergröße aufrecht stehen konnte, wenn es die Situation verlangen sollte. Auch die Kellner konnten den hinteren Tisch nicht erreichen.

Dennoch arrangierten wir uns mit der Situation. Wer am vorderen Tisch saß, gab Speisen und Getränke an die Kommilitonen am hinteren Tisch weiter. So klappte die Verteilung der Bestellungen nahezu problemlos und es wurde ein sehr gemütlicher Abend.

 

Zum Schluss dieses Berichts kann man nur festhalten, dass sich das gelernte Mantra während der Exkursion immer wieder bewahrheitet hatte. Ob es nun ums Radfahren, ums Essen gehen oder um den indischen Straßenverkehr ging: Es gab immer einen Weg eventuelle Probleme zu lösen. Auch wenn der vielleicht über Umwege ging und das Ziel anders als ursprünglich vorgestellt erreicht wurde, führte letztlich immer ein Weg zum Ziel. Das zwingt zwar immer wieder zum Improvisieren, gibt einem aber viel Vertrauen in die Tatsache, dass sich die Dinge doch immer wieder auf die eine oder andere Weise fügen. Außerdem erlaubte uns das Ganze vielleicht auch ein bisschen indische Mentalität mit in die Heimat und den Gießener Unialltag zurückzunehmen.

 

Geschrieben von Tatjana Döbert.