Die Wahl der „Miss Hessen“ in Gießen sorgt in Zeiten von #MeToo, stellverstretend für viele Miss-Wahlen, für reichlich Diskussionsstoff. Allen voran stellt sich die Frage: Kann so ein Event eigentlich feministisch sein?
Ein Kommentar von Danielle Dörsing


Glitzer, Glamour, schöne Kleider und ein Moment im Rampenlicht – Eine Misswahl scheint für viele junge Frauen eine Erfüllung ihrer Träume und das Sprungbrett für eine große Karriere zu sein. Doch Miss-Wahlen stehen bei Vielen immer wieder in der Kritik: Sie seien reine Fleischbeschauungen und Frauen würden nur auf ihren Körper reduziert werden. Diesen Diskurs konnte man auch wieder am Samstag erleben, als die „Miss Hessen“ Wahl 2019 in einem Gießener Einkaufzentrum stattfand. 17 Kandidatinnen im Alter von 18 bis 29 Jahren lächelten und winkten, was die Löckchen hielten, und das alles nur, um vielleicht einmal „Miss Germany“ zu werden, der einzige Titel, der neben einem Physik-Doktor in Deutschland noch was wert zu sein scheint.

Ritual der Emanzipation?

Aber mal ernsthaft: Da die Eigenständigkeit und der Raum für eine freie (weibliche*) Entscheidung im Mittelpunkt stehen, kann man die Damen für ihre freiwillige Teilnahme an so einer Show wohl kaum kritisieren. Die Welt-Autorin Claudia Becker nannte Miss-Wahlen ein „Ritual der Emanzipation“ und argumentiert für eine feministische Auslegung, da „Selbstbewusstsein, Sendungsbewusstsein und dazu noch ein Sinn für das eigene Aussehen“ nicht mit dem postmodernen weiblichen Weltbild kollidieren müssen. An dieser Aussage ist insgesamt nichts auszusetzen, es wäre sogar schlicht unfeministisch die Teilnehmerinnen zu bodyschamen oder sie für ihre Liebe zu Make-Up, glitzernden Kleidern oder eben für das Tragen eines kurzen weißen Jumpsuits zu kritisieren oder abzuwerten. Wenn sich eine Frau frei dazu entscheidet, ihr Aussehen in den Mittelpunkt zu stellen, ist das ihre freie Wenn sich eine Frau frei dazu entscheidet, ihr Aussehen in den Mittelpunkt zu stellen, ist das nun mal ihre freie Entscheidung. My body, my choice. Ganz einfach.

Toxische Männlichkeit überall

Aber es ist das Drumherum, was Events wie die Wahl zur „Miss Hessen 2019“ zu einer misogynen Falle machen. Es ist einfach ein verlogenes Konzept, dass erst richtig deutlich wird, wenn man sich verschiedene Dinge vor Augen führt, die am Samstag scheinbar konsequent keinem aufgefallen sind. Angefangen bei einem sexistischen Moderator, der von „starken Frauen“ und Empowerment spricht, gleichzeitig aber tolle Erfolge in feinster sexistischer Manier kaputtredet und der ziemlich offensichtlich jeder (!) Teilnehmerin beim „Walk“ vor der Jury auf den Hintern gafft. Aber auch die herumstehenden Zuschauer*innen, von denen die männlichen Konsorten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, die Arme in die Luft warfen um, mit jedem nur verfügbarem Gerät mit Kamerafunktion, Fotos von den Kandidatinnen zu machen, wobei ihre Gesichter hier meistens nicht im Fokus standen. So viel toxische Männlichkeit und Gaffertum auf einmal, ließen kaum Luft zum Atmen.

Stoppt den Male Gaze!

Des Weiteren überraschte auch die Jury, denn es ist doch relativ schleierhaft, welche Qualifikationen man(n) eigentlich benötigt, um so eine Miss vernünftig zu küren. Intelligent, charismatisch und gut aussehend soll sie sein, aber wer stellt das fest, wenn dann doch irgendwie alle gleich aussehen und das Gleiche sagen? Neben Frisör*innen, Sänger*innen und einigen Gewinner*innen vergangener Miss*Mister-Wahlen, fanden sich vor allem Boxer, Fahrlehrer, Möbelhausbesitzer und ein Immobilienmakler in der Jury. Das Erstgenannte wohl auf eine gewisse Expertise zurückgreifen können, was Styling und Präsenz angeht, ist noch nachvollziehbar. Aber ein Möbelhausbesitzer? Auf welcher Grundlage hat der wohl entschieden? Richtig, nach westlichen Schönheitidealen, die seit Jahrhunderten von und durch Männern kreiert und vorangetrieben werden.

Es ist also eben jener Male Gaze, also der männliche Blick, mit dem unsere Gesellschaft schaut und nach dem wir beurteilen, der auch bei der „Miss Hessen 2019“ konsequent über allem lag. Dieser ist auch dafür verantwortlich, Kritiker*innen oft das Gefühl zu geben, Teil einer „Fleischbeschauung“ zu sein, denn ein männlich-abwertender Blick unterscheidet nicht zwischen Menschen und Objekten. Von einem „Ritual der Emanzipation“ kann hier daher wohl kaum die Rede sein.

Kritiker*innen würden nun behaupten, dass die Frauen sich ja selbst in diese Situation bringen, oder noch perfider, dass sie selbst Schuld seien, da sie niemand zur Teilnahme gezwungen hätte. Diese Argumentation, die das Opfer zum Täter macht (sog. Victim Blaming), ist auch hier wieder vollkommen unangebracht, denn sie strotzt doch nur so vor toxischer Männlichkeit. Nur weil sich eine Frau* gerne schminkt und präsentiert, haben Männer* weder das Recht noch den Freifahrtschein, belästigende Verhaltensweisen an den Tag legen.

Schönheit ist divers!

Damit das Konzept „Misswahl“ funktioniert, muss sich der Blick ändern, wie wir (weibliche* Schönheit) sehen. Schönheit ist nicht einseitig und erst recht nicht nur ein körperliches Merkmal. Schönheit ist divers! Das war aber leider nicht das Motto bei der Wahl zur „Miss-Hessen“ im Neustädter Tor: Außer der deutschen Staatsangehörigkeit, einer Altersbegrenzung von 18-29, sowie dem Ausschluss von Nackt- bzw. „Oben-Ohne“-Aufnahmen gab es sonst keine Teilnahmebedingungen. Dennoch hatte keine der Damen dunkle Haut, keine Haare, wo sie laut gesellschaftlichem Schönheitsstandard nicht hingehören, geschweige denn eine Kleidergröße größer als 36. Die Frage wer (was) gewonnen hat, kann übrigens getrost unbeantwortet bleiben, denn wenn so ein Miss-Wahl-Konzept funktioniert, sind wir im Endeffekt alle Verlierer*innen.

Empowerment macht vor Miss-Wahlen nicht halt

Trotzdem gibt es bei Miss-Wahlen immer wieder Momente, wo sich wirkliches Empowerment zeigt. Es existieren zahlreiche Beispiele, bei denen Miss-Wahl-Kandidatinnen, die Bühne nutzen, um auf politische Missstände in ihrer Heimat hinzuweisen oder sich für andere Menschen stark zu machen. 2017 etwa nutzten die Teilnehmerinnen einer Misswahl in Peru ihre Position aus, um die Aufmerksamkeit auf Gewalt gegen Frauen zu lenken. Einen ähnlichen Moment erlebte man auch am vergangenen Samstag, als die 28-jährige Ärztin Naima Diesner über ihren Beruf sprach. Sie berichtete darüber, wie sie sich zur Aufgabe gemacht hat, Brustkrebspatientinnen einen neues Körpergefühl zu geben, indem sie versucht, deren Brüste wiederherzustellen. Es herrschte eine spürbar andächtige Stimmung, Diesner beanspruchte einen Raum, den ihr als Frau bei einer Miss-Wahl viele wohl nicht zugestehen wollten. Schade nur, dass der Moderator, anstatt ehrlichem Interesse nur einen dummen sexistischen Spruch auf Lager hatte.

 

Verweise:
http://theconversation.com/explainer-what-does-the-male-gaze-mean-and-what-about-a-female-gaze-52486

https://www.welt.de/vermischtes/article173902331/Miss-Germany-2018-Warum-Schoenheitswettbewerbe-feministisch-sind.html

http://www.spiegel.de/video/miss-peru-kandidatinnen-prangern-gewalt-gegen-frauen-an-video-1810797.html