Am 11.03.2019 startete die einwöchige Spring School der Fachjournalistik Geschichte in Kooperation mit dem Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) zum Thema „Historische Momentaufnahmen/Frozen Moments in History“ mit einem öffentlichen Vortrag des mehrfach ausgezeichneten Fotografen Paul Lowe. Unter dem Titel „Witness to Existence: Reflections on Life During Conflict 1989-1999“ berichtete Lowe von seiner Arbeit als Dokumentarfotograf, präsentierte einige seiner Bilder und regte zum Gespräch über den Umgang mit Fotografien an.

Begrüßt wurden die etwa 30

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Anwesenden im neuen Seminargebäude am Alten Steinbacher Weg 44 von Frau Prof. Dr. Weckel. Im Rahmen dieser Begrüßung sprach Frau Weckel über die Fotografie, welche von Paul Lowe für die Erstellung des Werbeplakats des Vortrags zur Verfügung gestellt wurde.  Diese zeigt einen mit einer dünnen Schneeschicht bedeckten Untergrund mit einem großen Blutfleck, von dem aus sich blutige Fußabdrücke im Schnee zum Rand des Bildausschnittes abzeichnen. Es sei wichtig, darüber nachzudenken, wie Fotografien gelesen werden können, so Weckel. Das vorgestellte Beispiel biete sich dafür in besonderer Weise an. So entkräfte es den häufig artikulierten Vorwurf des fotografischen Voyeurismus, da der gewaltsame Akt selbst nicht abgebildet sei, während die Brutalität eindeutig sichtbar werde. Die Betrachter der Werke geübter Fotografen würden zum Nachdenken über die Hintergründe der Fotografien animiert.

Paul Lowe selbst studierte in Cambridge Geschichte und belegte im Anschluss daran ein Aufbaustudium in Dokumentarforografie in Newport. In den 90er Jahren betätigte sich Lowe, zumeist freiberuflich, als Fotojournalist und Dokumentarfotograf. Seit etwa zehn Jahren lehrt Lowe am Londoner College of Communication Dokumentarfotografie, wobei er bemerkt, dass er sich tendenziell immer mehr mit den Rezipienten von Fotografien auseinander zu setzt, wie es auch in diesem Vortrag der Fall war. Lowe selbst sprach davon, dass sich damit der Kreis wieder schließe, da er nun wieder als Historiker tätig sei, indem er mit anderen Menschen gemeinsam an der Frage arbeite, wie Fotografien genutzt werden können.

Als Historiker habe ihn nach eigener Aussage an der Dokumentarfotografie vor allem gereizt, Geschichte im Moment ihrer Entstehung beobachten und festhalten zu können. Zugleich biete die Fotografie eine Freiheit, die in kaum einem anderen journalistischen Wirken zu finden sei, da es keinen fest umrissenen geografisch oder inhaltlich festgelegten Arbeitsbereich gebe. Darüber hinaus sei es ihm möglich gewesen relativ einfach auf internationaler Ebene zu arbeiten, da Fotografien keine sprachliche Übersetzung bräuchten.

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Eine der ersten Geschichten Lowes war der Fall der Berliner Mauer. Er erinnerte sich an die Suche nach dem einen Bild, welches die Essenz des Moments einfangen sollte. Emotionen, Menschen, Flaggen und selbstverständlich die Mauer. Tatsächlich gelang es ihm, ein aussagekräftiges Foto zu schießen, welches einen Mann zeigt, der mit einer Spitzhacke auf die Mauer einschlägt. Dieses Bild habe seit seiner Entstehung mehrere Leben durchlaufen, berichtete Lowe. Nachdem es zunächst in seinem „eigentlichen“ Sinn als Nachrichtenbild genutzt wurde fand es in den vergangenen knapp 20 Jahren metaphorische Verwendung in Kontexten wie Parteipolitik, Umweltschutz oder als Werbung für Unternehmen. Lowes erstes Titelbild, welches ebenfalls während dieses Berlin-Aufenthalts entstand, zeigt weder Menschen noch Flaggen. Es handelt sich um ein Foto eines Risses in der Berliner Mauer, der mit einem Strauß Blumen gefüllt wurde. Es müsse nicht immer die Sache selbst gezeigt werden, so Lowe. Implikationen könnten bisweilen weitaus mehr über das Geschehen verraten als seine bloße Dokumentation.

In den folgenden Jahren bereiste Lowe verschiedene Kriegs- und Krisengebiete. So begleitete er die Rebellen in der rumänischen Revolution, berichtete über die Zustände in verschiedenen afrikanischen Flüchtlingsunterkünften und verbrachte viel Zeit in der im Bosnienkrieg belagerten Stadt Sarajevo.

In seinem Vortrag sprach Lowe auch immer wieder darüber, dass zwischen dem Fotografen und dem Fotografierten eine Barriere bestehe. Dies könne, insbesondere in humanitär prekären Situationen, durchaus zu einem Problem für den Fotografen werden. Ein Patentrezept könne er für solche Problemfälle nicht anbieten, doch gab Lowe zu bedenken, dass es nicht die Aufgabe des Fotografen sei, die Probleme vor Ort zu lösen, sondern über sie zu berichten und somit auf sie aufmerksam zu machen. Durch unsachgemäßes Eingreifen könnten Situationen auch verschlechtert werden. Eine klare Abgrenzung sei aber selbstverständlich nicht immer möglich oder angebracht. So berichtete Lowe beispielsweise davon, dass er und die Kollegen, mit denen er zu diesem Zeitpunkt unterwegs war, einen schwer verletzten Mann in ihr Auto geladen und zum nächstgelegenen Krankenhaus gefahren hätten.

Paul_Lowe_Keynote_1Die bereits angesprochene Barriere zwischen Fotograf und Subjekt sei allerdings auch etwas Schönes und gutes. Sie sei es, die die Fotografie dazu befähige, mehr als nur die Abbildung eines Geschehnisses zu sein. Eine Fotografie zeige zwar nur einen kurzen Augenblick, der wenige Sekunden zuvor und danach nicht mehr so existiere, aber gerade das Wissen um diese technische Besonderheit lasse sie über den einzelnen Moment hinweg wirken. Bei Fotografien handle es sich somit nicht um abgeschlossene, fixierte Räume, sondern sie lüden dazu ein, sich weitere Dinge vorzustellen. Was waren die Voraussetzungen für dieses Foto? Was ist danach geschehen? Dadurch würden Fotografien zu „erweiterten Momenten“.

Über seine eigene Position im Gefüge seiner Fotografien sagte Lowe: „I don’t like to hide what I am (middle class, educated), but I think, what I am gives me the opportunity to tell something to certain people“ Er wolle seine spezifische Sichtweise auf die Vorgänge in der Welt dazu nutzen, anderen Menschen genau diese Vorgänge verständlich zu machen.

Im Anschluss an den Vortrag bestand die Möglichkeit zum Gespräch mit dem Fotografen. Unter Anderem wurde darüber diskutiert, wie viel Nachbearbeitung eines Fotos noch gerechtfertigt werden könne und ab wann es sich um eine Verzerrung des Abgebildeten handle. Gegen 20 Uhr wurde das weitere Gespräch mit allen Interessierten zum Ausklang des Abends in das Dachcafé verlegt.

Artikel: Jonas Feike

Fotos: Thiemo Kremser