Wolltet ihr schon immer bei einer Song-Aufnahme dabei sein? Begleitet uns und erlangt Einblicke in die Praxis des JLU-Tonstudios.

„Es ist ein komisches Gefühl, allein in der Uni zu sein“, schmunzelt Kilian. Seine Worte verlaufen sich in den leeren Fluren des Musik-Instituts – alles ist still. Es ist der erste Aufnahmetag unseres Song-Projekts.

Gemeinsam mit Felix und Madeleine bilden wir eine der vielen Projektgruppen des aktuellen Tonstudio-Seminars. Unser Ziel ist die Aufnahme von Two Days – Kilians neuem Song. Er besteht aus Elementen einer Rhythmusgitarre und zwei Gesangsstimmen. Je nach Zeit überlegen wir, auch ein Solo einzufügen.

Wir betreten das Tonstudio, heute steht das Gitarren-Recording auf dem Plan. Doch wie nehmen wir sie auf?

Kilian mit Gitarre (Foto: Adrian Mertes)

Wir entscheiden uns zunächst für drei separate Kanäle: Den ersten Kanal bildet das Line-In der Gitarre. Das ist der Sound, der durch den internen Tonabnehmer der Gitarre aufgefangen wird. Ein Klinkenkabel leitet ihn in die Stagebox und anschließend in das Mischpult im Studio weiter. Die anderen zwei Kanäle nehmen den Stereo-Klang der Gitarre im Saal auf. Dazu richten wir jeweils ein Kondensator-Mikrofon auf das Schallloch und eines auf das Griffbrett der Gitarre. Wir schließen die Mikros an – es ist Zeit für einen ersten Test.

Die Tür des Studios geht zu, die Aufnahme beginnt. Kilian sitzt mit seiner Gitarre im Aufnahmeraum und tippt auf die Mikros: Kein Signal. Felix ändert die Konfiguration – nichts passiert. Nach ewigem Herumprobieren funktioniert endlich alles. Wir lächeln – der PC stürzt ab. Felix und ich betrachten verwirrt den schwarzen Bildschirm. Scheinbar macht der JLU-Virus auch vor dem Tonstudio nicht halt. „Super Technik“, schmunzelt Felix: „Müssen wir eigentlich ‚was aufnehmen?“

Nach kurzem Telefonat mit unserem Dozent starten wir den PC neu. Es gibt Probleme mit dem Rooting: Die Kanalbelegung zwischen Stagebox und Audiointerface im Tonstudio funktioniert nicht. „Das Line-In der Gitarre steckt in Slot 4 und kommt in Slot 2 an“, denkt Felix laut ins Leere. Verwirrung und Zweifel zeichnen sein Gesicht. Ein genervter Monolog Kilians dringt aus dem Hintergrund zur Tür herein. Er tippt noch immer auf die Mikros.

Damit Kilian uns während des Spielens im Nebenraum auch hören kann, nutzen wir ein Talkback-Mikrofon. Dieses leitet unsere Worte auf seine Kopfhörer weiter. So erhält Kilian auch den Clicktrack, also das Metronom, das im Hintergrund den Takt angibt. Als endlich die Verkabelung stimmt, erhält eine neue Ruhe Einzug in Felix‘ Stimme: „5 steckt jetzt in 5 und kommt auch in 5 an. Das ist ja der Wahnsinn.“ Kilians Stimme ertönt durch das Mikrofon: „Woran lag’s jetzt?“ Felix nickt: „Ja.“

Noch einmal betrachtet Felix kritisch die Einstellungen: „Aber eigentlich steckst du ganz woanders drin“, sagt er nachdenklich. Kilian schmunzelt: „Ich stecke ganz woanders drin?“ Felix blinzelt – beide lachen.

„Krass, ich höre das Reiben von meinem Pulli an der Gitarre“, sagt Kilian. Die Mikro-Einstellungen sind wohl noch zu sensibel. Felix hantiert herum. Anschließend räuspert er sich mit einem vorsichtigen Lächeln: „Jetzt machen wir nochmal ganz kurz: Mikro links tippen…“ Aus dem Lausprecher dringt ein verzweifeltes Murmeln von Kilian. Nach dem kurzen Test lehnt sich Felix auf seinem Stuhl zurück: „Also jetzt ist alles gut.“

Felix am Mischpult (Foto: Adrian Mertes)

In den ersten Takes stehen die Mikros noch zu weit weg von der Gitarre, aber nach der vierten Aufnahme ist alles perfekt. Ich mahne Felix zum Zwischenspeichern. Wir hören uns noch einmal die Tonspur an. „Da ist ein Takt zu viel“, meint Kilian. Felix schneidet einen Takt heraus und glättet den Übergang in der Tonspur. Alle nicken zufrieden. Wir sind am Ende des ersten Studio-Tages.

Eine Woche später erhalten wir von unserem Kommilitonen Johannes den Schlüssel für unseren zweiten Aufnahmetag. Stolz erzählt er uns, seine Gruppe habe die letzten drei Tage bis spät in die Nacht im Tonstudio verbracht und vier ganze Songs aufgenommen. Johannes räumt die letzten Kisten mit Kabeln und Gitarren-Bags aus dem Studio. „Wir haben auch Rotlicht aufgebaut“, erzählt er uns. Kilian blickt ihn skeptisch an: „Wieso das?“ Johannes schlendert vorbei: „Entspannte Arbeitsatmosphäre.“

Wir betreten das Studio. Während Madleine und Kilian die Mikros aufbauen, führt Felix am PC die Musikspuren unserer Gitarrenaufnahmen zusammen. Für die Aufnahmen wie auch für die Bearbeitung unseres Songs verwenden wir das Tonstudio-Programm Cubase. Gerade denkt Felix über passende Audio-Effekte nach: „Bis jetzt ist das ohne. Könnte halt mehr knallen.“ Er legt einen Kompressor als Effekt auf die Aufnahme – und es knallt mehr. Felix hört die einzelnen Spuren noch einmal an. „Hörst du das Metronom?“, fragt er. Ich lausche und höre auf den Klick im Hintergrund – tatsächlich! „Das will ich da nicht haben“, erklärt Felix. Er fügt ein Gate als Effekt hinzu. Es klingt wesentlich besser, der Klick ist nicht mehr zu hören.

Nun geht es an den Gesang. Bevor wir aber anfangen können, stellt sich die Frage: Wo nehmen wir ihn überhaupt auf? Die einfachste Möglichkeit wäre, die Stimmen direkt über das Interface im Studioraum aufzunehmen. Jedoch würde dann der natürliche Hall des Musiksaals verlorengehen und der Rohsound im Studio klänge sehr steril. Wir entscheiden uns also für den größeren Musiksaal. Für die Aufnahme benutzen wir das Mikrofon T-Bone SCT-2000. Nach einer kurzen Testaufnahme beraten sich Kilian und Madeleine darüber, ob wir ihre Gesangsanteile gemeinsam oder getrennt aufnehmen sollen. Bei gleichzeitiger Aufnahme wäre zwar der Wechselgesang dynamischer, jedoch lassen sich dann die Stimmen nur gemeinsam und nicht getrennt abmischen. Wir entscheiden uns daher für separate Aufnahmen.

Kilian beim Voice-Recording (Foto: Adrian Mertes)

Die Hauptgesangsspur ist schon nach zwei Takes fertig. Die Bridge wollen Kilian und Madeleine im Wechsel singen. Dazu singen beide zunächst ihren Teil separat ein und Felix schneidet die entsprechenden Stellen der Tonspur aus. Madeleines Gesangsteile werden so in den Klang der Hauptspur eingefügt. Zum Schluss rundet Felix das zeitverzögerte Ende der beiden Stimmen mit einem Fade ab. Der Basis-Song ist fertig, wir sind zufrieden, Feierabend.

Am dritten Tag warten Kilian, Madeleine und ich gemeinsam im Musiksaal. Die ausgemachte Zeit war 14 Uhr. Um 14:20 Uhr fragt Kilian: „Kann ‚mal jemand Felix schreiben?“ Felix betritt wie auf Kommando den Raum. Wir blicken ihn überrascht an – alle lachen.

Heute steht das optionale Solo auf dem Plan. Doch leider suchen die technischen Probleme des Tonstudios uns auch an diesem Tag wieder heim: Ich sitze mit meiner Gitarre auf der Bühne und tippe auf die Mikros. Jetzt weiß ich, wie Kilian sich fühlte. „Hörst du dich?“, fragt Felix über die Kopfhörer. „Nein“, sage ich. Aber Felix hört mich nicht – wie denn auch? Sein Kopf lugt fragend durch das kleine Fenster des Tonstudios. Ich schüttle den Kopf. Felix verschwindet wieder hinter dem PC-Bildschirm.

Nach ewigem Herumprobieren funktioniert es endlich. Ich höre den Song mit Clicktrack über die Kopfhörer und improvisiere ein kleines Solo. Nach dem ersten Hören fehlt im letzten Teil etwas Pepp. Zweiter Versuch. „Du weißt, worum es geht“, sagt Felix, und der Song-Part in meinen Kopfhörern beginnt von Neuem. Nach dem zweiten Take klingt es wesentlich besser, allerdings ist unsere Zeit auch schon vorbei – wir müssen abbauen.

Ich denke zurück an die vergangenen Studio-Tage: Ein Tag Gitarre, ein Tag Gesang, ein Tag Solo. Zwar hatten wir viele technische Probleme, doch am Ende steht ein fertiger Song in Studio-Qualität – ein erster Schritt in Richtung studentische Musikproduktion.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars der Justus-Liebig-Universität Gießen am Institut für Musikwissenschaft und -pädagogik.

Adrian Mertes

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