Gedenktafeln, Stolpersteine und Säulen – sie erinnern an Orte und Ereignisse, die mit der Verfolgung bestimmter Bevölkerungsgruppen und weiteren Opfern des Nationalsozialismus verbunden sind.

Diese Zeichen des Gedenkens können im hektischen Alltag leicht übersehen werden. Daher ist es wichtig, dass die Geschichten der Opfer nicht in Vergessenheit geraten. Die Wanderausstellung „Mittelhessische Frauen im KZ Ravensbrück“, erstellt von Lehramtsstudierenden der Justus-Liebig-Universität Gießen, widmet sich diesem Zweck. Sie beleuchtet die individuellen Schicksale von Frauen aus Gießen und Umgebung im Kontext des KZ Ravensbrück. Basierend auf Literatur- und Archivrecherchen wurden Porträts von 12 Frauen und einem Mann erstellt, ergänzt durch Überblicksdarstellungen zu Ravensbrück und den Verfolgungsinstanzen in Gießen. Zusammen bilden sie ein facettenreiches Mosaik, das nicht nur das Leben dieser Frauen würdigt, sondern auch die Beziehungen zwischen Gießen, Mittelhessen und Ravensbrück herausarbeitet. Diese Verknüpfung sind bislang in der Forschung wenig aufgearbeitet. Aus diesem Grund hat die Autorin der Ausstellung gezielt nach Frauen gesucht, die im Frauen-KZ Ravensbrück inhaftiert waren und einen Bezug zu Mittelhessen beziehungsweise Gießen haben – sei es durch Geburt, Studium, Arbeit oder Wohnsitz.

Ort des Grauens

Von 1939 bis 1945 diente Ravensbrück als Frauenkonzentrationslager, in dem etwa 120.000 Frauen inhaftiert wurden. Das Lager befindet sich nördlich von Berlin. Seine Funktion umfasste die Unterbringung von Häftlingen, die Internierung von Mädchen und jungen Frauen im „Jugendschutzlager Uckermark“ sowie die Ausbildung von KZ-Aufseherinnen.

Die Bedingungen in Ravensbrück waren grausam: Zwangsarbeit, medizinische Experimente und unmenschliche Behandlung prägten den Lageralltag.  Die Frauen waren in verschiedenen Arbeitskommandos täglich härtesten körperlichen Belastungen ausgesetzt. Überfüllte Baracken, knappes Essen und mangelnde Hygiene führten zu Krankheit und Tod. Willkürliche Strafen und Misshandlungen waren alltäglich. Tausende wurden durch Exekutionen getötet oder starben an den Folgen von Unterernährung und Erkrankung. Im Jahr 1944 errichtete man eine provisorische Gaskammer, in der tausende Häftlinge ermordet wurden.


In Ravensbrück waren Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und über 30 Ländern inhaftiert, darunter mehr als 800 Kinder und Jugendliche, einige sogar im Säuglingsalter. Etwa 70.000 politisch Verfolgte bildeten die größte Gruppe der Häftlinge. Mehr als 5.500 Frauen wurden als „asozial“ eingestuft, weil sie nicht den Idealen der Nationalsozialisten entsprachen. Sie galten als unproduktiv und unerwünscht. Die meisten stammten aus Polen, der Sowjetunion, Ungarn und Frankreich. Frauen aus anderen Ländern wie Spanien oder Norwegen waren ebenfalls vertreten.

Erinnerung bewahren

Die Ausstellung schließt eine Lücke in der lokalen Erinnerungskultur. In Gießen gab es bisher keine größere öffentliche Ausstellung, die sich speziell mit den Frauen von Ravensbrück beschäftigte. Das Projekt möchte das Bewusstsein und Interesse aller Altersgruppen für diese historische Thematik wecken und fördern. Besonders wichtig war es den Autor:innen, junge Menschen anzusprechen und ihnen die lokale Geschichte nahezubringen.

Die Studierenden der JLU, zusammen mit der Soziologin Randi Becker, stellten sich den damit verbundenen Herausforderungen und dem erheblichen Aufwand.
So berichtet der beteiligte Student Constantin Stremmer, heute Referendar an einer Limburger Schule, etwa:

Eine Schwierigkeit war die Suche nach den Akten.  Obwohl zahlreiche Akten zur Thematik existieren, wurden viele durch Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört, was zum Verlust wertvoller Informationen führte. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass Nazi-Akten gezielt vernichtet wurden, was jedoch nicht mehr nachweisbar ist. Die schiere Menge an verfügbarem Material kann überwältigend sein.„Ich war erstmal von der Flut an Informationen erschlagen, weil es teilweise da echt dicke Akten mit mehreren hundert Seiten gegeben hat“, erzählt Constantin. Deshalb mussten die Autor:innen sorgfältig relevante Daten auswählen und filtern, um genaue und verständliche Biografien zu erstellen.

Manche Informationen konnten schlicht nicht rekonstruiert werden, sei es aufgrund verlorener Aufzeichnungen oder weil private Dokumente fehlen. Constantin, der zur Friedberger Jüdin Antonie Maurer recherchierte, konnte so zwar viele Informationen zusammentragen, jedoch sind andere persönliche Aspekte ihrer Lebensgeschichte nicht mehr rekonstruierbar. Zeitzeug:innen konnten abseits von Briefen oder Tagebüchern von ihrer Zeit in Ravensbrück nur dann berichten, wenn sie die Zeit im Konzentrationslager überlebten. Viele der Frauen, die die Ausstellung vorstellt, haben die Inhaftierung in Ravensbrück allerdings nicht überlebt, so auch Antonie Maurer. Sie konnten nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren, nicht mehr von ihren Erfahrungen berichten.

Die geleistete Arbeit hat starken Anklang bei den Nachkommen und Verwandten der betroffenen Frauen gefunden. Sie sind dankbar, dass die Geschichten ihrer Angehörigen nun erzählt werden. Die Ausstellung half auch, die Geschichten dieser Frauen in ihren früheren Heimatorten wieder sichtbarer zu machen, wo sie lange Zeit in der lokalen Erinnerungskultur wenig Beachtung fanden. „Ich konnte mich mit Nachkommen der Person, über die ich recherchiert habe, treffen und mit ihnen sprechen […]“, sagt Constantin. „Besonders schön war ein Vortrag in Friedberg, bei dem das Interesse an der Person groß war. Jemand hinterließ sogar einen sehr netten Eintrag im Gästebuch. Es hat mich sehr gefreut, dass die Arbeit wertgeschätzt wird.“

Ein weiteres Ziel war es, durch die Ausstellung eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu schlagen, indem historische Ereignisse und persönliche Schicksale präsentiert werden, die auch heute noch relevant sind. Sie bietet Raum für den Austausch und das Gedenken, insbesondere für Schulen und Bildungseinrichtungen, da die Ausstellung gezielt Informationen für diese Zielgruppe aufbereitet hat.

Die Verfolgung von jüdischer Bevölkerung in Gießen und Umgebung

Die Spuren der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Gießen ziehen sich bis in die Gegenwart, obwohl die Juden und Jüdinnen schon im 14. Jahrhundert Teil der mittelhessischen Bevölkerung waren. Es existierten verschiedene Betstuben sowie mindestens eine Synagoge in der Dammstraße 9/11. Ab 1887 existierten zwei jüdische Gemeinden. 1867 wurde eine neue, größere Synagoge in der Südanlage für die liberale Israelitische Religionsgemeinde eröffnet. 1899 wurde eine zweite Synagoge in der Steinstraße für die orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft eingeweiht. Dieser Zustand war jedoch von stark zunehmenden antisemitischen Einstellungen bei den Bürgern begleitet, die sich zur Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung drastisch verstärkten.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten markierte einen drastischen Wendepunkt: Eine blühende Gemeinschaft, die über Jahrhunderte hinweg fest in Gießen verwurzelt gewesen war, wurde systematisch dezimiert. Diese Zeit war geprägt von zunehmender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ausgrenzung sowie staatlicher Unterdrückung in den 1930er Jahren. Eine Vielzahl an jüdischen Betriebe in Gießen, wie zum Beispiel das heutige Schuhhaus Darré oder das Möbelhaus Sommerlad, wurden von Nationalsozialisten enteignet und übernommen. Die Lebensbedingungen verschlechterten sich erheblich und die jüdische Bevölkerung sah sich zunehmend isoliert und verfolgt. Bis zum Höhepunkt der Verfolgung in den frühen 1940er Jahren war die jüdische Präsenz in Gießen stark reduziert, und diejenigen, die noch blieben, lebten unter ständiger Bedrohung und Diskriminierung.

Die jüdische Kultur blieb nicht verschont. Die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 führte zum grenzenlosen Terror. Am Morgen des 10. November gegen 6 Uhr brannten zuerst die Synagoge in der Südanlage und kurze Zeit später die in der Steinstraße. Die Feuerwehr löschte diese beiden Feuer nicht, sondern achtete nur darauf, dass die Feuer nicht auf andere Gebäude übergriffen. Schüler der nahegelegenen Schule wurden von ihren Lehrern zu den brennenden Synagogen geführt, um dem Zerstörungswerk zuzusehen. Jüdische Geschäfte wurden in der Nacht geplündert. Wenige Tage später ließ die Stadtverwaltung die Grundmauern der Synagoge sprengen und den Schutt abtragen.

Gießener Gestapo und andere Instanzen

Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) war eine zentrale Überwachungs- und Verfolgungsinstanz des NS-Regimes. In Gießen führte sie zahlreiche Inhaftierungen durch, wobei ihr neuer Sitz nach der Reichspogromnacht 1938 im ehemaligen Bankhaus der jüdischen Familie Herz in der Neuen Bäue 23 war. Das Haus war zuvor geplündert und enteignet worden. Die Verfolgung begann oft mit Denunziationen aus der Bevölkerung, die einen wesentlichen Beitrag zur rigiden Politik der Nationalsozialisten leisteten. Besonders die jüdische Bevölkerung war von dieser systematischen Verfolgung betroffen.

Gießen, Neuen Bäue 23: Ehemaliger Sitz der Gießener Gestapo. Quelle: Deutsche digitale Bibliothek

Die bei der Gießener Gestapo arbeitenden Beamten zeichneten sich durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus. Auch Frauen waren Teil des Personals und gegen Kriegsende lag ihr Anteil sogar bei rund 25%. Ein Beispiel ist die Geschichte von Dagmar Imgart, einer verdeckten Agentin, die im Auftrag der Gestapo kirchliche Netzwerke in Gießen überwachte. Ebenso bekannt wurde Frieda Weinhardt, die sich zunächst als besonders brutale Gefängniswärterin einen Namen machte, bevor sie in die Reihen der Geheimpolizei aufstieg.

Die Indoktrination und die Förderung der nationalsozialistischen Ideologie beschränkten sich nicht nur auf die Gestapo in Gießen. Auch andere Institutionen in der Stadt trugen zur Verfolgung bei. An der Universität Gießen verbreiteten NS-Professoren die nationalsozialistische Ideologie. Das Erbgesundheitsgericht in Gießen spielte eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der Rassenhygiene-Gesetze und die Forschungen sowie die Arbeit an der Uniklinik Gießen dienten oft der Unterstützung der menschenverachtenden Ziele des NS-Regimes.

Insgesamt zeigt die Geschichte der Gießener Gestapo und der anderen beteiligten Institutionen, wie tief die nationalsozialistische Ideologie in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen war und wie systematisch und brutal die Verfolgung und Unterdrückung der Bevölkerung, insbesondere der jüdischen Gemeinde, durchgeführt wurde.

Generationsübergreifende Traumatisierung

Das generationsübergreifende Trauma, das viele Verwandte der Opfer des Nationalsozialismus erleben, hat tiefe Wurzeln und vielschichtige Ursachen. Viele Nachkommen tragen die seelischen Wunden ihrer Vorfahren in sich, die durch extreme Verluste und Traumata geprägt wurden. Man findet mehrere Schicksale von Personen, die ihre Verwandten und Familienangehörigen während der Herrschaft der Nationalsozialisten in jungem Alter verloren haben und nach dem Krieg dadurch selbst traumatisiert waren. Diese individuellen Leiden setzen sich oft über Generationen hinweg fort und prägen das Leben und die Psyche der Nachkommen nachhaltig.

Eine zusätzliche Dimension dieses Traumas stellen die anhaltenden Ungerechtigkeiten dar, unter denen die Überlebenden und ihre Familien litten. Entschädigungen wurden oft gar nicht oder nur nach jahrzehntelangen, bürokratischen Verzögerungen gewährt. Die Schikane gegenüber den Angehörigen hielt an und die während des NS-Regimes vorherrschenden Vorurteile setzten sich auch nach Kriegsende fort. Viele Betroffene warteten bis in die 1980er Jahre auf Entschädigungen, während sie weiterhin mit Vorurteilen und Diskriminierungen konfrontiert waren.

Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Hedwig Kersten. Geboren am 6. Mai 1918 in Gießen wurde sie 1940 unter dem Vorwand der „Vorbeugungshaft“ festgenommen, auf Anordnung der Kriminalpolizei Frankfurt als „Zigeunermischling“ – eine antiziganistische Zuschreibung – ins KZ Ravensbrück deportiert und blieb dort bis März 1945.  Nach ihrer Befreiung und der Geburt von vier weiteren Kindern beantragte sie auf Grundlage des Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts finanzielle Entschädigung für ihre Leiden. Während des Entschädigungsverfahrens setzten sich die NS-Zuschreibungen fort, wie aus Briefwechseln mit der Betreuungsstelle für ehemalige politisch, rassistisch und religiös Verfolgte des Stadt- und Landkreises Gießen und dem Regierungspräsidenten in Kassel hervorgeht: „Es handelt sich bei Herr und Frau Kersten um nachweislich ausgesprochen ‚asoziale‘ Elemente. Frau Kersten kam seinerzeit als ‚Zigeunermischling‘ ins KZ.“ Ihr Antrag wurde am 25. August 1950 infolge dieser Korrespondenz abgelehnt. Ein weiterer Versuch der International Refugee Organization im Jahr 1951, ihre Ansprüche zu unterstützen, scheiterte, da Hedwig kurz darauf verstarb. Ihre Kinder setzten den Kampf fort und der Antrag wurde schließlich 1981 genehmigt.

Gegenwärtige Erinnerungskultur

Die Erinnerungskultur in Gießen ist komplex, da sie nicht von der Stadt selbst vorangetrieben wurde, sondern von den Betroffenen oder ihren Familienangehörigen im Laufe der Zeit erkämpft werden musste. Dies führt zu Widersprüchen, da man diese Erinnerung bewahren möchte. Ein Beispiel hierfür ist die Entdeckung der Überreste der Synagogenfundamente vor der Kongresshalle. Obwohl historische Aufzeichnungen Hinweise auf ein Fundament der Synagoge nach der Zerstörung durch die Nationalsozialisten lieferten, wurde der Ort über Jahre hinweg  als Parkplatz genutzt. Dies zeigt, wie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oft vernachlässigt wird.

Nach Kriegsende waren viele ehemalige NS-Personen weiterhin in hohen Ämtern tätig und behielten ihre NS-Ansichten bei. Es bestand wenig Interesse, etwas wiedergutzumachen oder über die Vergangenheit zu sprechen. Die Erinnerungskultur wurde daher oft von den Betroffenen selbst erkämpft, die gegen das Vergessen und Verdrängen anzukommen versuchten.

Trotz dieser Hindernisse gibt es in Gießen zahlreiche Initiativen, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Stolpersteine, Gedenktafeln und Gedenktage sind wichtige Elemente dieser Kultur des Erinnerns. Diese kleinen, aber bedeutungsvollen Orte und Momente dienen als Mahnung und Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit. Doch trotz dieser Bemühungen bleiben viele Geschichten noch unerzählt und die vollständige Aufarbeitung der Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen. Die Nachkommen und Verwandten der Opfer können nicht ruhen, solange diese Geschichten im Dunkeln bleiben. Die Erinnerungskultur in Gießen ist daher ein kontinuierlicher Prozess, der ständiges Engagement und Auseinandersetzung erfordert, um die Vergangenheit angemessen zu würdigen und für die Zukunft zu bewahren.

So wie die Schicksale der Frauen aus dem KZ Ravensbrück, die durch Ausstellung wieder ins Bewusstsein gerufen werden, müssen auch die Geschichten der Opfer in Gießen ans Licht gebracht werden. Nur durch solche umfassenden Erinnerungsprojekte kann sichergestellt werden, dass die Schrecken der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten und dass wir aus ihnen für die Zukunft lernen.

Stolpersteine in der Liebigstraße 37, Gießen, Foto: Oskar Langert.
Oskar Langert
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