Als ich mit dem Rad in das etwa sieben Kilometer entfernte Wißmar fahre, begleitet mich nicht nur die Lahn. Mein Weg führt auch durch weitläufige Wiesen mit einem Blick auf die Burg Gleiberg. Am Ortsrand führt Familie Stroh seit Generationen ihren landwirtschaftlichen Betrieb. Hier werden Hühner, Milchkühe, Schweine und Angus-Rinder gehalten, Gemüse angebaut und die Erzeugnisse im hofeigenen „Strohlädchen“ verkauft. Auch in Gießen bieten sie ihre Produkte mittwochs und samstags auf dem Wochenmarkt an.

Im Rahmen der Veranstaltung „Fotojournalismus“, geleitet von der freien Fotografin Maria Irl, habe ich eine der Milchkühe durch ihren Tag begleitet und durfte hinter die Kulissen eines landwirtschaftlichen Betriebs schauen. Ziel der Übung war es, eine Fotoreportage zum Thema „Zuhause“ zu erstellen.
Ich wollte das Thema aus dem Blickwinkel eines Nutztiers beleuchten, dessen Sinn darin besteht, für uns Menschen Konsumgüter herzustellen. Also habe ich eine Kuh begleitet, genau genommen Kuh Nummer 40, die 2016 auf dem Hof der Familie Stroh geboren wurde. Sie ist eine Kreuzung aus dem Norwegischen Rotvieh und dem Holsteinrind. Das Holsteinrind ist mit ihrer schwarz-weißen Scheckung die Rasse, die uns als erstes in den Kopf kommt, wenn wir uns Kühe vorstellen. Christian Stroh schlug sie mir als Modell vor, da ihm ihre Färbung besonders gut gefällt.

Christian hat ein besonderes Herz für seine Milchkühe und zeigt mir einen typischen Morgen im Stall, der übrigens ganz schön früh beginnt. Um 6:30 Uhr stehe ich vor der Tür, während die Kühe schon genüsslich ihr Frühstück fressen. Dann werden die insgesamt etwa 80 Kühe gemolken und dafür gruppenweise in den Melkstand getrieben.
Neonröhren beleuchten die Maschinen, welche Melkzeug genannt werden. In zwei schmalen Gängen reihen sich die Tiere auf und warten ruhig auf das Prozedere. Fast alle Kühe gedulden sich, bis die Maschinen fertig sind und sie zurück in den Stall dürfen. Eines der Jungtiere, das dieses Jahr das erste Mal gekalbt hat, ist noch nervös und geht als letztes Tier in die Gasse. Sie möchte nicht so recht stehenbleiben und findet die ganze Situation gruselig, wo doch all ihre Freunde bereits zurück im Stall sind. Besonders berührend fand ich, wie Christian Stroh die junge Kuh beruhigte, und anstatt sie zu maßregeln, sanft festhielt und streichelte. So einen freundlichen Umgang mit den Tieren hatte ich nicht erwartet, wo doch regelmäßig negative Schlagzeilen über Nutztierbetriebe zu lesen sind.

Nach dem Melken werden die Weiden geöffnet und die Kühe dürfen sich nun frei entscheiden, wo sie sich bewegen wollen. Der Familienbetrieb Stroh ist ein Naturlandbetrieb und achtet daher besonders auf artgerechte Haltungsbedingungen. Dazu zählt nicht nur der freie Auslauf der Kühe, sondern auch, dass die Liegeflächen eingestreut und Kälber mindestens 90 Tage lang mit Muttermilch gefüttert werden müssen. Hier auf diesem Hof können die Milchkühe ein ziemlich freies und zufriedenes Leben genießen, doch der Großteil ihrer Artgenossen hat keine Möglichkeit dazu.
Nur ein Drittel aller Milchkühe darf frisches Gras auf der Weide fressen und ganze zehn Prozent leben in Anbindehaltung. Das bedeutet, dass die Tiere sich ihr Leben lang nicht frei bewegen können und dauerhaft angebunden sind. Diese Haltung entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, den wir auf den Lebensmitteletiketten als „Haltungsform 1“ kennen. Auch gibt es hier keine Regelungen für den Komfort der Kühe, wie zum Beispiel Kratzbürsten oder Einstreu.

Trotz der Idylle der grasenden Kühe auf den Weiden der Familie Stroh, macht mich mein Besuch nachdenklich. Inwiefern können wir es verantworten, für unseren eigenen Luxus Nutztiere zu halten? Zwar werden die Tiere auf dem Hof gut behandelt und gehalten, müssen aber trotzdem Jahr für Jahr Kälber gebären, die kurz darauf von ihnen separiert werden, damit der Milchertrag höher ist. Dazu kommt, dass die Haltungsbedingungen auf dem Naturlandhof so gut wie nur wirtschaftlich möglich sind, was leider eher die Ausnahme als die Regel ist.
Schlussendlich ist das eine Entscheidung, die jede:r für sich abwägen muss, wie viel uns das Konsumgut Milch wert ist. Sind wir dafür bereit das System Hochleistungskuh aufrechtzuerhalten? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen?
Die gesamte Fotoreportage:
- Zuhause aus einer anderen Perspektive: Der Alltag einer Milchkuh - 24. November 2024










