Von Jana Mochmann, Niklas Schonschek, Selina Wößner

Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Der Found-Footage-Dokumentarfilm Trains (P 2024, OT: Pociągi) des polnischen Filmemachers Maciej J. Drygas lässt sogar nur Bilder in Form von Archivfilmmaterial sprechen. Ohne Sprecher:innentext oder sonstige Einordnung werden die ursprünglich nicht zusammengehörigen Filmaufnahmen miteinander verwoben und erzählen so in 81 Minuten am Beispiel des letzten Jahrhunderts die Chronologie von Krieg und Frieden in der Menschheitsgeschichte. Hierin liegen einige Schwachpunkte des Films begründet, aber auch seine starke Botschaft.

Atmosphärisch passend wurde Trains auf dem DOK Leipzig in einer kalten Bahnhofshalle vorgeführt. Die titelgebenden Züge sind im Film ein Sinnbild für den Kreislauf der Geschichte, in dem sich Frieden und Fortschritt mit Krieg und Zerstörung abwechseln. Dabei ist die Eisenbahn zunächst der Motor dieses Fortschritts: Mit dem Bau einer Lokomotive um die Jahrhundertwende brechen optimistische Zeiten an, in denen Zugreisende begeistert den Komfort des seinerzeit modernsten Transportmittels genießen. Nur wenig später ist der Zug ein Pfeiler des ersten industrialisierten (Welt-)Krieges, fungiert als Eisenbahngeschütz oder transportiert Kriegsversehrte. Dieses Wechselspiel setzt sich bis in die Zeit des Kalten Krieges fort, untermalt vom dumpfen Dröhnen der Filmmusik, die an das Rattern eines Zuges erinnert und zugleich bedrohlich das Wissen um die allzeit latente Kriegsgefahr wachhält.

An einer Stelle indes schießt Drygas übers Ziel hinaus: Zur Bebilderung des Holocaust nutzt er Aufnahmen aus dem sogenannten Westerbork-Film, in dem Lagerinsass:innen des „Judendurchgangslagers“ Westerbork im Auftrag der Lagerleitung bei der Deportation gefilmt wurden. Auch an dieser Stelle bleibt der Filmemacher seinem Konzept treu und verzichtet auf eine Kontextualisierung des Archivmaterials. Unreflektiert reproduziert der Film hierdurch die Perspektive der nationalsozialistischen Täter:innen auf ihre Opfer. Ohnehin verlangt das Filmkonzept dem Publikum einiges ab. Selbst Kenner:innen der Geschichte sind nicht davor gefeit, streckenweise die zeitliche Orientierung zu verlieren.

Dieser Effekt ist gewollt. Geschickt nutzt Drygas ihn, um dem nur vordergründig ganz sich selbst überlassenen Publikum unterschwellig seine Botschaft zu vermitteln. Wenn die Aufnahmen keiner Zeit zuzuordnen sind, werden sie damit nicht buchstäblich zeitlos? „There is plenty of hope. An infinite amount of hope. But not for us“, heißt es schon zu Beginn des Films nach dem Schriftsteller Franz Kafka. Natürlich galt dies für eine Generation, die in ihrer Lebensspanne beide Weltkriege durchlebte und sich anschließend am Rande eines dritten, dieses Mal atomaren Weltkrieges bewegte. Für diese Generation gab es keine dauerhafte Hoffnung auf Frieden. Aber so wie die Archivaufnahmen ist auch Kafkas Zitat überzeitlicher Natur. Sie gilt für die gesamte Geschichte einer Menschheit, die bis heute Kriege gegeneinander führt und Gräuel aneinander verübt.

Es bleibt die Frage: Gibt es einen Ausweg aus dem Kreislauf der Geschichte? Eine eindeutige Antwort hierauf, das weiß das Publikum nach rund 80 Minuten, ist von Trains nicht zu erwarten. Der Film endet im Point-of-View-Shot mit einer Zugfahrt durch ein verworrenes Netz von Schienen. Offenbart sich hier, dass die weitere Geschichte je nach Weichenstellung entweder in Richtung Krieg oder in Richtung Frieden laufen kann? Oder gibt es im Schienengewirr auch eine Weichenstellung, mit der die Geschichte ganz neue Wege einschlagen kann? Und wer kann diese Weichenstellungen überhaupt beeinflussen? Wie im gesamten Film bleibt es den Zuschauer:innen überlassen, diese Fragen für sich selbst zu beantworten.