Wenn wir nicht lachen würden
Wenn ich von „Clot“ erzähle, lachen die meisten. Vielleicht, weil die Geschichte so absurd ist. Dabei erzählt der 2D-animierte Kurzfilme eine unangenehme Geschichte, eine der Ausbeutung und über den männlichen Charakter des Kapitalismus. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist „Clot“ ein Hingucker.
Frankie verbringt seine Tage an dem Fließband einer TK-Pizzafabrik. Monotone Handgriffe, eine künstlich beleuchtete, fensterlose Fabrikhalle und das seelenlose Konsumprodukt. Aber nicht der Wunsch nach einem erfüllenden Leben lässt Frankie die Schicht schmeißen, sondern erbarmungslose Schmerzen. Mit Nierensteinen und einhergehender Nahtoderfahrung versinkt Frankie im Delir und nicht auf seinem, sondern in sein Sofa: durch die Sofaritze, fort aus den erdlichen Sphären, hinein in die endlosen Weiten des Weltalls. War seine Existenz zuvor bedeutungslos, wird sie hier zu einem Mittelpunkt einer eigenen kleinen Welt.
Frankies Körper versteinert, seine Körperbehaarung wächst zu einer Flora heran, Tiere und kleine weiße nackte Penisträger beginnen, diese zu besiedeln. Über Steinwüsten, Urwälder und um zwei auffällig auf der Brust platzierten Schildvulkane breitet sich die humanoide Population aus. Zuvor liefen Evolution und Besiedlung im Dunkeln ab, jetzt wird es Licht: Mit anbrechendem Morgen ergiert Frankies Penis. Die Penisträger verehren den Penis, der wie die Säule aus Kubricks 2001 eine technologische Revolution anstößt: Das Konzept von Waffen und mit ihnen, irrsinnige Gewalt. Aus den penistragenden Mensch ist ein Mann geworden.
Männliche Gewalt, männlicher Kapitalismus
Darauf folgt eine ausufernde Gewaltorgie in überreizendem Zeitraffer, detailliert, explizit, brutal. Erst greifen die Männer Tiere an, dann bilden sie Gruppen und jagen Einzelgänger und Abtrünnige ihrer Population. Sie zerfetzen und zerschneiden ihre Artgenossen und schmücken sich mit den Leichenteilen. Der technologische Fortschritt bedeutet der Beginn kapitalitischen Unglücks, unweigerlich verknüpft mit den Männlichkeitsansprüchen nach Stärke und Wettkampf. Das Ergebnis bilden Blutbad oder jene subtile, nach ihnen gerichtete und in Nierensteinen endende Gewalt, die Frankie lebt. Erst der Sturz des steinernen Planeten in die Sonne beendet die peniszentrierte Gewaltexzesse und Frankies Delir. Er kehrt zur Erde zurück und pinkelt die Nierensteine aus. Ihm kommt die Idee, aus dem Kapitalismus auszusteigen und tut es doch nicht.
„Clot“ ist ein Versuch, die spezifisch männliche Gewalt des kapitalistischen Arbeitsalltags greifbar zu machen. Gängige Männlichkeitsansprüche stimmen mit angestrebten Eigenschaften des Subjekts im kapitalistischen System überein. Autonom, handlungs- und durchsetzungsfähig sein in einem Wettkampf, der von Wachstumsdenken dominiert wird. Die Subjekte im Kapitalismus machen sich die Welt untertan, ergriffen von einer Zerstörungswut und ermächtigt durch Technologie und patriarchale Macht. Frankie scheint diese Eigenschaften in sich zu tragen und gleichzeitig machtlos gegenüber der Entwicklungen zu sein, die als Fabrikalltag über ihn regieren oder für die sein Körper einen planetaren Schauplatz bietet. Frankies Odyssee im Weltall und die vulgäre Komik des Films verkörpern die Absurdität von Frankies Situation.
Banal, trivial und vulgär
Frankie lebt von und für eine Arbeit, die in mittelständischen Milieus entweder gar nicht oder als unangenehmer, aber befristeter Ferienjob erlebt wird. Die Arbeit nimmt Frankie ein. Sie nimmt ihn aber auch aus, verursacht ihm Schmerzen und lässt ihn vereinsamen. Um Frankies Leid zu teilen, müssen wir trotzdem nicht vollberuflich an einem Fließband stehen. Diese Art Stress ist eine menschliche Grunderfahrung geworden: Überstunden, Schichtsystem oder das Arbeit-mit-nachhause-nehmen. Arbeit isoliert Menschen und reduziert sie auf ihre Arbeitskraft. „Clot“ macht sich zuallererst durch seine Komik zugänglich. Die lebhafte und charmante 2D-Animation verstärkt das. Banal, trivial und vulgär führt uns Stoops an die Geschichte heran, die Parabel für unsere Lebensrealität ist. Mit Peniskult und verballhornter Anfangsszene von 2001 sorgt er für Lacher und lockert uns auf. Wir lassen uns auf die Höhen ein, um die Tiefen intensiver wahrzunehmen. Genauso nimmt uns Frankies Ausweglosigkeit mit und seine Unfähigkeit, aus dem System auszubrechen. Der lustige Unterton rahmt diese Ernsthaftigkeit, ohne sie zu bagatellisieren. Denn wenn wir nicht lachen würden, müssten wir weinen.
Foto: https://www.dok-leipzig.de/film/clot/archive
- DOK Leipzig: Wenn wir nicht lachen würden - 15. April 2026
- UNIversum unterwegs: Dokumentar- und Animationsfilmfestival Leipzig - 21. Februar 2026

