Jedes Jahr im Februar findet der Black History Month statt. Er soll die Geschichte Schwarzer Menschen und deren Errungenschaften würdigen, aber auch auf Lücken in der Aufarbeitung aufmerksam machen. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte von People of Color ist jedoch nicht nur im Black History Month relevant. Ende letzten Jahres ist Prof. Dr. Bettina Brockmeyer, Lehrende für Neuere Geschichte an der JLU, von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeladen worden, ihn nach Tansania zu begleiten. Dort hatte das Deutsche Kaiserreich während dem Zeitalter des Hochimperialismus die Kolonie „Deutsch-Ostafrika” errichtet. Im Oktober 2023, über 120 Jahre später, folgte schließlich die lang erwartete und notwendige Entschuldigung eines deutschen Staatsoberhauptes für die dort verübten Verbrechen. Auf der dreitägigen Reise wurde Frank-Walter Steinmeier von einer Kultur- und einer Wirtschaftsdelegation begleitet. Letztere sollte Gespräche zur ökonomischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Tansania führen. Die Kulturdelegation legte ihren Fokus auf die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Steinmeier besuchte unter anderem, nach einem Treffen mit der tansanischen Präsidentin Samia Suluhu Hassan, das Maji-Maji Museum in Songea, das an den Aufstand von 1905-1907 erinnert, bei dem mehr als 120.000 Menschen durch deutsche Kolonialist:innen getötet wurden.  Am Ende folgte die lang erwartete Entschuldigung: „Ich verneige mich vor den Opfern der deutschen Kolonialherrschaft. Und als deutscher Bundespräsident möchte ich um Verzeihung bitten für das, was Deutsche hier Ihren Vorfahren angetan haben. Ich bitte um Verzeihung, und ich möchte Ihnen versichern, dass wir Deutsche mit Ihnen nach Antworten suchen werden auf die offenen Fragen, die Ihnen keine Ruhe lassen.”

Geschichte Tansanias (hier klicken)

Schon ab dem 8. Jahrhundert hatte Tansania verschiedene Handelskontakte, sowohl nach Asien als auch im Mittelmeerraum. Während im Inland die Bantu-Völker lebten, ließen sich an der Küste auch Händler aller Nationalitäten nieder und es entstanden mit der Zeit große Handelszentren. Ab dem 15. Jahrhundert beanspruchte Portugal Macht in der Küstenregion für sich, ab dem 19. Jahrhundert wurde dort das Sultanat Sansibar von Arabien errichtet. Tansania war ab 1888 Teil der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“. Während dieser Zeit litt das tansanische Volk unter Hunger und Vertreibung und leistete gegen die Unterdrückung Widerstand. Dabei starben während des Maji-Maji-Aufstands von 1905 bis 1907 mehr als 120.000 Menschen, 66 Maji-Maji-Anführer:innen wurden am Ende des Aufstands in Songea von deutschen Kolonialisten hingerichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg war Tansania zwar keine deutsche Kolonie mehr, blieb aber noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem von Großbritannien kolonialisiert und erreichte im Dezember 1961 die Unabhängigkeit. Heute ist Tansania eine Republik. Tansanias Präsidentin ist Samia Suluhu Hassan. Sie ist zurzeit die einzige weibliche Regierungsträgerin auf dem afrikanischen Kontinent. Seit ihrem Antritt im Jahr 2021 hat sie Gesetze wie das Demonstrationsverbot für Oppositionsparteien abgeschafft und der Oppositionspolitiker Tundu Lissu ist aus dem Exil zurückgekehrt.

Frau Brockmeyer unterstützte die Reise als Beraterin in der Kulturdelegation. Sie lehrt und forscht vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, unter anderem zu der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika und dem Tanganyika Territory. Derzeit schreibt sie mit einem Kollegen an einem Buch zu einem Human Remain, der ebenfalls für die Debatte über Restitution von Bedeutung ist. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sie die Reise erlebt hat und wie sie den derzeitigen Stand der Aufarbeitung von deutscher Kolonialherrschaft einschätzt.

Tanganyika Territory (hier klicken)

Das Tanganyika Territory war ursprünglich ein Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika, bis es im Ersten Weltkrieg von britischen und belgischen Truppen teilweise besetzt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Großbritannien die Kontrolle über das Gebiet vom Völkerbund zugesprochen, das es zum Tanganyika Territory umbenannte. 1961 erlangte Tanganyika die Unabhängigkeit und ist heute Teil des Staates Tansania.


Disclaimer: Wir wollten in diesem Artikel von der Entschuldigung Steinmeiers und der Beteiligung an der Reise von Bettina Brockmeyer berichten. Natürlich ist das Thema Kolonialgeschichte und ihre Aufarbeitung sehr komplex. Wir denken, dass es notwendig ist, sich kritisch mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, da sie direkte Auswirkungen auf unsere heutige Gegenwart hat. Unter anderem wurden Kolonialverbrechen noch nicht vollständig aufgearbeitet. Human Remains und koloniale Raubgüter befinden sich weiterhin in Besitz von ehemaligen Kolonialmächten und die willkürliche Grenzziehung auf dem afrikanischen Kontinent sorgt bis heute für Konflikte. Wir empfehlen deshalb allen, sich weiter zu informieren. Wir werden dafür einige Informationsquellen am Ende des Artikels verlinken.


Wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie sich unter anderem Kolonialgeschichte als Schwerpunkt ausgesucht haben?

Nach meiner Dissertation wusste ich, dass ich mich mit Kolonialist:innen beschäftigen wollte und dann wurde mir klar, dass ich, wenn ich mich mit Kolonialgeschichte befasse, kolonisierte und kolonialisierende Menschen gleichermaßen in den Blick nehmen muss. Dadurch ist eine Forschung auch in Kooperation vor Ort entstanden und eine intensivere Beschäftigung mit Tansania. Ich denke, so ist auch der Stab des Bundespräsidenten auf mich aufmerksam geworden, denn ich kann Ihnen nicht sagen, warum sie sich an mich gewendet haben. Sie haben einfach irgendwann angerufen und gefragt: Können Sie den Bundespräsidenten auf seiner Reise beraten? Ich habe mich dann mit den Redenschreiber:innen zusammengesetzt und mit ihnen überlegt, was wohl für so eine Rede vor Ort wichtig wäre. Eine Woche später kam dann die Anfrage, ob ich nicht gleich die ganze Reise begleiten möchte.

Wie lange hat die Reise gedauert und was haben Sie dann vor Ort ganz konkret gemacht? Bei welchen Treffen waren Sie dabei?

Es waren eigentlich nur drei Tage. Es hat sich länger angefühlt, weil es so viele Termine gab. In Daressalam waren wir in der Old Boma und haben uns mit Kulturschaffenden unterhalten. Dann haben wir ein Zementwerk besichtigt. Das war mein persönliches Highlight. Mich haben die Arbeitsbedingungen interessiert, wie gearbeitet wird und auch, wer hinter diesem Zementwerk steckt. Dann gab es einen Abendtermin bei der Botschaft mit Empfang. In Sambia haben wir das Nationalmuseum mit den Kulturschaffenden besichtigt und auch an einem großen Staatsbankett teilgenommen, das war auch aufregend. Ich saß unter anderem neben dem Sportminister aus Sambia. Dann waren wir natürlich noch als Highlight bei den Wasserfällen und sind von dort aus im Regierungsjet wieder nach Hause gereist.

Old Boma (hier klicken)

Old Boma ist eines der ältesten Gebäude in Daressalam und wurde 1866 von einem Sultan von Sansibar als Palast und Gästehaus erbaut. Es wurde später als Verwaltungssitz von Kolonialisten genutzt und ist heute Sitz des Dar es Salaam Centre for Architectural Heritage (DARCH).

Wie haben Sie die Reise erlebt? Insbesondere die Rede, die Frank-Walter Steinmeier am Ende gehalten hat?

Insgesamt war die Reise eine spannende Erfahrung. Auf dem Hinflug war es so, dass Herr Steinmeier die Delegierten zu verschiedenen Zeiten in sein Office im Regierungsflieger gerufen hat. Da  hat er gezielt Fragen gestellt und sich noch einmal ein Meinungsbild eingeholt, aber nicht wirklich verraten, was er dann mit diesem Meinungsbild tun wird. Deshalb war es auch etwas aufregend, weil wir in der Delegation bis zur Rede nicht wussten, ob sich der Bundespräsident entschuldigen würde. Wir hatten im Vorfeld von Kolleg:innen vor Ort und auch bei den Gesprächen in Daressalam gehört, dass die Voraussetzung zu allen weiteren Gesprächen und auch zu Gesprächen über Restitutionen wäre, dass sich ein Staatsoberhaupt erst einmal überhaupt für das entschuldigt, was passiert ist. Das haben wir auch immer wieder bei den diversen Empfängen an ihn oder an seine Leute herangetragen. Aber sie haben uns in Spannung gehalten, ob es die Entschuldigung geben wird. Erst kurz vorher hat mir ein Mitarbeiter gesagt: “Sie können sich beruhigen, er wird sich entschuldigen”. Trotzdem waren wir nicht sicher, wie er es tun wird und waren dann sehr erleichtert, als die Entschuldigung kam. Das war ein besonderer Moment, in dem man sich mit den Leuten vor Ort aus den Museen umarmt hat. Wir waren wirklich sehr, sehr glücklich, weil man den Eindruck hatte, jetzt kann es losgehen. Aber das ist auch der Punkt: Jetzt muss es auch losgehen und jetzt müssen weitere Gespräche, Vereinbarungen und Taten folgen. Bei der Entschuldigung kann es natürlich nicht bleiben. Da sind wir jetzt alle gefordert. Auf dem Rückflug von Songea habe ich mich auch kurz mit Herrn Steinmeier unterhalten, wie die Rede gelaufen ist und ich habe ihm gesagt, dass ich sehr dankbar für die Entschuldigung war und den Eindruck hatte, dass sie sehr gut angekommen ist. Es gab im Vorfeld durchaus auch kritische Stimmen, dass er eigentlich ins falsche Land gefahren ist, um sich zu entschuldigen und dass er eigentlich nach Namibia hätte fahren müssen. Dort würde es auch um Reparationen gehen. Diese Stimmen waren der Ansicht, dass er sich dieses Problem vom Hals gehalten hat, indem er nach Tansania gefahren ist. Das mag auch alles so sein und trotzdem finde ich, sollte man diese Entschuldigung nicht kleinreden. Sie war fällig und sie ist jetzt erfolgt. Das ist auch gut so.

Woran lag das eigentlich, dass bis zum Schluss nicht bekannt war, was Steinmeier in seiner Rede sagen möchte? Sollten die Medien vorher nicht davon erfahren?

Ja, das ist eine gute Frage. Ich denke schon, dass es daran lag, dass Medienvertreter dabei waren. Ich weiß nicht, ob es einen Überraschungseffekt haben sollte, aber man sollte sich im Endeffekt nur auf die Rede beziehen. Wenn schon bekannt gewesen wäre, dass der Bundespräsident sich vor Ort entschuldigen wird, wäre es natürlich weniger spektakulär. Von daher, glaube ich, war das schon eine bewusste Entscheidung, dass uns das nicht vermittelt wurde.

Haben Sie das Gefühl, dass die Reise und die Entschuldigung etwas ins Rollen gebracht haben? Wurde zum Beispiel damit begonnen, Kulturgüter zurückzugeben?

Da muss gesagt werden, dass das natürlich vorher auch schon in Planung war. Es kommt außerdem auf die einzelnen Museen und die Rückgabe- beziehungsweise Restitutionsforderungen an. Ich glaube, da hat die Entschuldigung gar nicht so viel neuen Anstoß gegeben. Sie hat vielleicht noch einmal einen weiteren Push gegeben und auch im Auswärtigen Amt ist es auf der Agenda weiter nach oben gerückt. Die Herausforderung besteht darin, das Momentum zu nutzen und die Dinge jetzt auch wirklich voranzutreiben. Es gibt im Moment auch sehr viele andere Themen, die brisanter sind und mehr in der Öffentlichkeit stehen. Dadurch ist das Thema auch wieder ein bisschen in den Hintergrund gerückt. Aber das heißt nicht, dass nicht auch an den entscheidenden Stellen gerade etwas passiert. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt beispielsweise, ist sehr engagiert, dass Rückführungen von Human Remains nach Tansania erfolgen. Das ist aber gar nicht so einfach. Es ist ein kompliziertes Verfahren, weil es erstens nicht für alles Rückgabeforderungen gibt und man zweitens mitunter gar nicht genau weiß, wohin die Objekte oder Subjekte müssen und zu wem sie gehören, so traurig das auch ist. Das klingt erst einmal so gut: Alles zurückgeben. Aber die Frage ist: Wohin? Wer wird die Human Remains wie aufnehmen? Ich würde schon sagen, dass da jetzt wirklich einiges passiert, was man aber auch in dieser größeren Öffentlichkeit vielleicht gar nicht so wahrnimmt. Auch bei unserer Arbeitsweise hat sich etwas geändert: Es sind nicht mehr wir, die hingehen und die Kolonialgeschichte erforschen, sondern das Auswärtige Amt finanziert jetzt ein Programm, mit dem in den Ländern selbst die Kolonialgeschichte erforscht wird. Man merkt schon, dass es da ein Umdenken gibt.

Innerhalb von Tansania ist man sich teilweise gar nicht so einig, was mit den wiedergegebenen Objekten passieren oder wie die Rückgabe finanziert werden soll, oder?

Ja, das ist ganz wichtig. Das ist in den unterschiedlichen Ländern ganz verschieden, auch in den Communities. In Tansania ist es so, dass die Communities mitunter ganz andere Intentionen haben als die Regierung, die kein großes Interesse an Restitutionen hat. Sie verfolgt eigentlich eher das Ziel, dass es weiterhin bei einem guten Austausch bleibt und dass man sogenannte Entwicklungsprogramme miteinander vorantreibt. Ein Minister hat zum Beispiel in einer Rede in Songea betont, dass es in der Kolonialzeit neben Grausamkeit aber auch Gutes gab, wie die Schaffung von Infrastruktur, wo uns, die wir dabei waren, ein Schauer über den Rücken gelaufen ist. Es muss auch anerkannt werden, dass die Erinnerungsdiskurse in Tansania mitunter anders ablaufen als unsere. Da muss erst einmal ein gegenseitiger Austausch stattfinden, was überhaupt gebraucht und gewollt wird und Deutschland nicht wieder ankommt und sagt: “Wir geben aber jetzt alles zurück, auch wenn ihr es gar nicht haben wollt.”  Es muss geschaut werden, was die Communities wollen, die mitunter durchaus auf der Suche nach ihren Ahnen sind. Zum Teil vermissen sie auch noch Human Remains und möchten diese zurück haben. Auf der anderen Seite steht die Landesregierung. Das ist also durchaus kompliziert.

Wie hat sich die Forschung zum Kolonialismus im Laufe der Zeit verändert? Stimmt es, dass diese Forschung erst in den Neunziger Jahren begonnen hat?

Es gab auch schon vor den Neunzigern wirklich gute Forschung zum Kolonialismus. Die wurde aber noch nicht so breit rezipiert. Zum Beispiel hat Karin Hausen zu Kamerun schon früh ihre Dissertation geschrieben, die wegweisend war und es gab in der ehemaligen DDR sehr, sehr gute Afrikaforschung. Also muss nicht so getan werden, als würde man mit den Kooperationen heute das Rad neu erfinden. Das haben schon viele vor uns gemacht, aber Sie haben recht, in den Neunziger Jahren ist in der Kolonialforschung das erste Mal so richtig Fahrt aufgekommen, dadurch gab es dann auch mehr Forschung zu dem Thema. Ich würde sagen, dass sie am Anfang einseitiger war als sie es jetzt ist und dass es immer mehr in ein “Wir müssen das zusammen erforschen”  übergeht.

Und außerhalb der historischen Forschung: Wie sehen Sie die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung?

Ich würde sagen, das geht Hand in Hand. Auch das Interesse in der Forschung speist sich vielerorts aus einem größeren öffentlichen Interesse. Es ist schon auffallend, wer jetzt Kolonialforschung macht. Also von daher würde ich das nicht voneinander trennen. Es ist nicht so, dass wir im Elfenbeinturm sitzen und nicht mitbekommen, was in der Öffentlichkeit passiert. Ich finde, dass es jetzt sehr viel mehr Aufmerksamkeit und sehr viel mehr Empörung gibt. Durch Social Media kommen vielfältigere Perspektiven zusammen und wir diskutieren hier nicht nur im Feuilleton. Diverser geworden ist es schon, finde ich. Eine sehr positive Entwicklung, aber es ist natürlich noch Luft nach oben.


Von Anna Engelhard und Lena Neese

Anna Engelhard

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