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Forschung in die Anwendung bringen
Hattest du schonmal so eine richtig gute Geschäftsidee? Zum Beispiel, wie man Studieren mit einer intelligenten Lern-App leichter machen kann? Oder wie sich der Alltag mit umweltfreundlichen Deos ein bisschen nachhaltiger gestalten lässt? An den mittelhessischen Hochschulen tummeln sich viele Studierende, die sich mit guten Ideen selbstständig machen wollen. Für sie findet einmal jährlich der Capital Contest statt. Das ist ein Wettbewerb, wo Studierende selbstgegründete Start-ups vorstellen und Investor:innen finden können, ganz im Stil von Fernsehformaten wie die „Höhle der Löwen“. Hier haben sie nicht nur die Chance auf Finanzierung, sondern auch Gelegenheit zu Netzwerken und den Publikumspreis für ihre Idee zu gewinnen. Darüber hinaus werden die Studierenden unterstützt, denn der Capital Contest gehört zum größeren StartMiUp-Netzwerk, das Studierenden bei einer Unternehmensgründung helfen und somit auch die ganze Region Mittelhessen stärken will. StartMiUp bietet zahlreiche Workshops für die jungen Unternehmer:innen und stellt Kontakte zu Geldgeber:innen in der Region her. Wir haben das Event am 25. Januar für euch besucht.
Der Capital Contest unterstützt nicht nur die Studierenden, sondern ist auch eine tolle Sache für die Hochschulen, Forschung in die Welt herauszutragen, so JLU-Präsidentin Katharina Lorenz:
„Als Universität beschäftigen wir uns ja hauptberuflich damit, Wissen zu produzieren, Erkenntnisse zu generieren. Und natürlich ist es da auch ganz wichtig, dass wir die nicht nur in den Mauern unserer Universität halten, sondern die auch in irgendeiner Form in die Anwendung bringen.“
Aber wer kann denn alles am Capital Contest teilnehmen? Erstmal muss man ein Start-up gegründet haben oder das noch im selben Jahr vorhaben. Außerdem muss mindestens eine Person im Gründungsteam an der Uni eingeschrieben sein, dort arbeiten oder Alumni sein. Vor dem Wettbewerb gab es ein vierstufiges Auswahlverfahren. Alle teilnehmenden Teams sind Finalist:innen.

Hoch hinaus mit einer eigenen Hybridrakete
Ich habe das Projekt „HybridLaunch Gießen“ begleitet. Das siebenköpfige Team aus Studierenden der THM & JLU will hoch hinaus – sie arbeiten an der Entwicklung eines Hybrid-Raketen-Antriebs für die Raumfahrt. Alle studieren Physik für Technologie und Raumfahrtanwendungen, Maschinenbau oder Mechatronik. „Das hilft enorm beim Rakete bauen“, sagte Stephanie Käs, die das Projekt auf der Bühne vorgestellt hat. Die Studierenden haben schon vorher Erfahrungen mit dem Start von zwei Wetterballons gesammelt, die bis zur Stratosphäre hinaufgeflogen sind. Als das gut funktionierte, musste eine neue Herausforderung her: der Bau einer richtigen Rakete. Aber wie packt man so ein Projekt an?
„Wir haben dann in guter Physiker Manier erstmal 100 Stunden gerechnet, in der Literatur geschaut, was überhaupt möglich ist, und dann ganz grün hinter den Ohren – blauäugig – mit der Auslegung angefangen“, erzählte Projektleiter Paul Silas Moos.
„Wir haben sozusagen immer schön auf Youtube und abends im Bett die Physiker Pflichtlektüre inhaliert und dann klappt das schon mit der Rakete“, fügte Stephanie lachend hinzu.

Ihre Vision – die Raumfahrt mit einem neuen Antrieb sauberer machen
Nach gründlichem „Inhalieren“ der Fachliteratur steht fest, es soll eine Hybrid-Rakete werden. Hybridraketen verbrennen sowohl feste als auch flüssige Brennstoffe. Neu ist, dass das Team ein Pumpsystem einbauen will, so dass man leichtere und damit auch treibstoffeffizientere Raketen bauen kann. Zudem möchten sie mit ungiftigen Treibstoffen arbeiten. Normalerweise stoßen Raketen beim Start eine Menge giftiger Abgase in die Atmosphäre. An großen Weltraumbahnhöfen wie in Baikonur (Kasachstan) erkranken dadurch öfter Menschen an Krebs und das Artensterben bei Tieren und Pflanzen ist überdurchschnittlich hoch. HybridLaunch möchte Raketen deshalb sauberer machen und verwendet Polyethylen und flüssigen Sauerstoff. Beides verbrennt zu reinem CO2 und Wasser, was nicht gesundheitsschädlich und weniger umweltbelastend ist als herkömmliche Brennstoffe.
„Wenn man das mit den reinen festen Brennstoffen vergleicht, ist das bei unserem System so, dass das Ganze nicht giftig ist, während es gerade bei den festen Brennstoffen häufig sehr, sehr giftige Brennstoffe gibt. Für die Rakete hatten wir Polyethylen, das ist sozusagen die Frischhaltefolie in der Küche, und flüssigen Sauerstoff – gut, den hat man jetzt vielleicht nicht in der Küche, aber das ist jetzt nicht so schwer, da dranzukommen“, erklärte mir Stephanie.
Die Hybridrakete könnte man besonders gut als Boosterrakete einsetzen – das sind kleine Raketen, die außen an größeren Raketen abgebracht sind, ihnen zusätzlich Schub geben und dem Koloss so in den Weltraum helfen. Nach dem Start werden diese abgeworfen. Die Technologie von HyridLaunch könnte irgendwann bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder der privatwirtschaftlichen Ariane Group eingesetzt werden.
Letzten Oktober hat das Hyrid-Launch Team erfolgreich einen Prototypen des Triebwerks getestet. Gebaut haben sie diesen in Eigenregie im Makerspace Friedberg. Als nächstes ist der Bau einer ganzen Rakete als Prototyp geplant. Diese soll fünf Meter groß sein, 50 Kilometer hochfliegen und 5 Kilo Newton Zug erzeugen – so viel Kraft braucht man vergleichsweise, um ein ausgewachsenes Pferd hochzuheben. Dafür brauchen sie 50.000€ von Investor:innen, dazu nochmal 30.000€, um ein richtiges Unternehmen zu gründen, aktuell ist Hybridlaunch nämlich ein Verein. Der Capital Contest soll da helfen. Tatsächlich hat sich das Team sehr kurzfristig beworben, nachdem es über den E-Mail-Verteiler der JLU auf den Wettbewerb aufmerksam wurde, und eine Stunde vor Bewerbungsende ganz schnell nachts die Bewerbung fertig gemacht. Zuerst wurde das Projekt abgelehnt, da es sehr forschungsorientiert und noch nicht marktreif ist, aber am Ende konnten sie doch teilnehmen, weil es interessant und außergewöhnlich ist.
Viele gute Geschäftsideen
Insgesamt stiegen sechs verschiedene Start-ups ins Rennen. Jonas Schmidt von der JLU hat das Lerntool „Studyquick“ entwickelt. In das Tool kann man Uniskripte und Audios der Vorlesungen hochladen und eine KI erstellt dann selbstständig Lernzettel und Probeklausuren zum Ankreuzen.

Hamid Khoshvaghti stellte Ahromm vor, ein Onlinetool, das Start-ups einfache Marketing- und Kundenanalysen ermöglicht, damit die ohne großen Personalaufwand ihre Produkte verbessern können.

Das Unternehmen MindBytes bietet bezahltes Hacken für Firmen an. Nina Wagner, Christian Stehle und Simon Holl können durch Hacken Sicherheitslücken in den Firmen ausfindig machen und ihnen so helfen, sich vor IT-Angriffen zu schützen.

Donia Djamschad hat zusammen mit ihrem Bruder „BiProducts“ gegründet. Sie verkaufen schadstofffreies Deodorant.

Und das letzte Team CNS von der JLU hat in Kooperation mit der Neuropathologie des UKGM eine Software für die Krebsanalyse entwickelt, denn je nachdem wie ein Tumor genetisch zusammengesetzt ist, muss man ihn mit unterschiedlichen Medikamenten behandeln.

Jedes Team hat siebeneinhalb Minuten Zeit für sein Pitch. Im Anschluss werden die Teams von der Jury ganz schön auseinandergenommen – und die ist echt hochkarätig besetzt. Alle sechs Jurorinnen und Juroren kommen aus der Wirtschaft, dem Bankenwesen und haben viel Erfahrung mit Investment und Unternehmensführung. Und wie schlägt sich HybridLaunch? Lars Witteck, Sprecher im Vorstand der Volksbank Mittelhessen und ehemaliger JLU-Student, gab Feedback:
„Zunächst vielen herzlichen Dank. Ich bin total beeindruckt, das ist wirklich großes Denken und ich finde es auch total super, dass endlich mal einer Rocket Science macht, bei diesen Pitches. Sonst heißt es ja immer es ist kein Rocket Science, aber jetzt ist es endlich mal Rocket Science, das finde ich total gut. Vielen Dank!“

Wohin die Reise geht
Den Publikumspreis konnte das Team leider nicht für sich gewinnen – der geht an CNS für ihre Krebsanalysen. Dafür überzeugte HybridLaunch gleich drei Investoren, die im Nachgang mit ihnen Kontakt aufnehmen und über eine mögliche Finanzierung sprechen. Für das Team ist bereits klar, wohin ihre Reise mit HybridLaunch gehen soll.
„Wir möchten gerne forschungsnah bleiben, aber auch ein bisschen Gewinn damit machen. Natürlich ist auch die Leidenschaft dabei, aber es wäre gut, wenn man damit Geld verdienen könnte. Das ist jetzt abhängig davon, wie die Fortschritte in Zukunft sind. Und wenn es weiter so gut läuft, hoffen wir, dass wir dann gute Partner an der Hand haben, die darauf genauso Bock haben wie wir“, sagte Silas.
Oder in Stephanies Worten:
„Auf gut Deutsch – wir wollen nicht nur eine Rakete bauen, wir wollen am besten eine Rakete bauen die fliegt und dann vielleicht noch eine größere Rakete bauen.“
Ich drücke dem Team ganz fest die Daumen, dass es bald eine Rakete „made in Gießen“ geben wird.

Mehr zu HydridLaunch findest du auf https://hybridlaunch-giessen.de/
Mehr zum StartMiUp Netzwerk findest du auf https://startmiup.de/

