Ich stehe im Gießener Plenarsaal auf einer Empore und blicke nach unten. Dort steht Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher vor einem Pult und richtet seine Worte an die Teilnehmenden, die in ihren Reihen ausgestattet mit Länderkarten und Fähnchen gespannt nach vorne blicken. Bereits der formale Dresscode lässt vermuten: Die Gießen Model United Nations (GiMUN) Conference ist mehr als nur ein Spiel. Denn hier verwandelt sich der Plenarsaal in eine internationale Konferenz und nun sitzen hier keine Studierenden und Schüler:innen mehr, sondern sie schlüpfen in die Rolle von UN-Delegierten. Genau wie bei den Sitzungen der Vereinten Nationen in New York geht es in den Verhandlungen um die Sicherung des Friedens und die Durchsetzung der Menschenrechte. Bei der UN-Generalversammlung werden bei der jährlichen Generalversammlung im September in New York von den UN-Mitgliedsstaaten über weltpolitische Themen, wie beispielsweise internationale Sicherheit, soziale, kulturelle und humanitäre Fragen oder wirtschafltiche Entscheidungen debattiert und abgestimmt. Im Gegensatz zu dem Sicherheitsrat (Security Council) sind die Resolutionen der Generalversammlung nicht völkerrechtlich bindend für die UN-Mitgliedstaaten. Da allerdings die Mehrheit aller Staaten hinter den Entscheidungen steht, haben sie ein politisches Gewicht.

Die Model United Nations ist den Strukturen der UN nachempfunden und bei dem Planspiel wird, weil es international ist, ausschließlich auf Englisch gesprochen. So betont auch der Oberbürgermeister auf Englisch, wie wichtig es ist, dass sich an dem heutigen Samstag junge Leute treffen, um über die Zukunft zu debattieren. Die Arbeit der internationalen Diplomatie nachvollziehen zu können, ist in der ganzen Form nur möglich, wenn man es selbst einmal ausprobiert.

Eine UN-Konferenz mitgestalten, das können hier Studierende und Schüler:innen, die ein Land repräsentieren und die jeweiligen Interessen in der Versammlung vertreten. Genau wie in der Realität gibt es in der Simulation Gremien wie den Sicherheitsrat (Security Council auf dem zweiten Bild zu sehen) und die Generalvollversammlung, in denen die Delegierten über weltpolitische Themen debattieren, Kompromisse aushandeln und Resolutionen verabschieden. Die Themen, die an diesem Wochenende diskutiert werden, sind die Klima-Krise und neu aufkommende Technologien, sowie der potenzielle Einsatz von KI-Waffensystemen durch Indien gegen Pakistan.

Zu diesen komplexen Thematiken finden sich die Teilnehmenden in Gruppen zusammen, feilen an Lösungen und üben gleichzeitig ihre rhetorischen Fähigkeiten und Verhandlungsgeschick. Dabei geht es ebenso darum, internationale Freundschaften zu knüpfen und Kompromisse zu finden. Das erscheint mir gar nicht so einfach, vor allem bei den Themen, die heute besprochen werden.

Johanna repräsentiert als Jurastudentin Belarus und erklärt mir:

„Mir ist aufgefallen, dass es wie in der Realität zwischenmenschliche Konflikte gibt, die nicht immer etwas mit der Politik zu tun haben müssen. Wir sind alle unterschiedlich, vor allem in der UN gibt es kulturelle Unterschiede, bei denen es wichtig ist, dass man bereit ist zu kommunizieren, um einen gemeinsamen Konsens zu erreichen.“

Johanna, Jurastudentin

Mir ist besonders das Thema Klimawandel im Gedächtnis geblieben, das unter den Delegierten heiß diskutiert wird. Wenn man von außen betrachtet, dass manche Länder es mit Klimaschutzmaßnahmen nicht sehr eilig zu haben scheinen, kann man sich schon einmal fragen: Warum? Wenn ich dann hier im Plenarsaal sitze und das Abwägen zwischen Länderinteressen und globalen Interessen miterlebe, verstehe ich erst das Außmaß dieser Herausforderung. In der Mittagspause spreche ich darüber mit Lisa, die ebenfalls Jura studiert und als Repräsentantin der Niederlande beobachtet:

„Positiv aufgefallen ist mir, dass viele die politischen Ansichten ihrer Länder zurückstellen, um für globale Themen wie das Klima gemeinsam kämpfen zu können.“

Lisa, Jurastudentin

Das Besondere an der GiMUN ist, dass auch die Möglichkeit besteht, mit einer ausgewählten Delegation zu der National Model UN nach New York zu reisen. Gerade hat im April die National MUN stattgefunden, an denen diejenigen teilnehmen durften, die bei der GiMUN mit besonderem Verhandlungs- und Redegeschick überzeugt haben. Dabei vertreten kleinere Gruppen je ein Land und können sich so noch tiefer in die Thematik einarbeiten.

Diese Erfahrung durften Christina Bähr, Liam Lueders und Johanna Banse-Reccius bereits im letzten Jahr machen und heute leiten sie die Tagung als Chair, Director und Assistant Director. Aufgrund der Anzahl der Teilnehmenden können in Gießen nicht alle Länder vertreten werden. Liam Lueders erklärt mir, dass daher Länder gewählt werden, mit denen sich nicht jeder im Alltag auseinandersetzt. Dadurch können sich die Teilnehmenden kritisch mit dem Hintergrundwissen befassen und diese Länder besser kennenlernen. Natürlich spielen auch die Themen der GiMUN eine Rolle in der Länderauswahl, sowie der Sicherheitsrat, der sich realitätsgetreu aus den ständigen und nicht-ständigen Mitgliedern zusammensetzt. Die fünf ständigen Mitglieder sind Großbritannien, Frankreich, Russland, China und die USA besitzen ein Vetorecht und können somit Beschlüsse des Sicherheitsrates verhindern. Die zehn nicht-ständigen Mitglieder sind derzeit Ecuador, Japan, Malta, Mosambik, Schweiz, Algerien, Guyana, Sierra Leone, Slowenien und Südkorea. Die nicht-ständigen Sitze werden unter den Regionalen Gruppen der UN aufgeteilt und jährlich werden fünf Mitglieder für die Dauer von zwei Jahren durch die Generalversammlung neu gewählt.

Die Anspache der Teilnehmenden als „Delegates“ und dass nach einer Rede das Wort wieder an den Chair mit dem Ausdruck „I yield the floor to the Chair“ gegeben wird, wirken auf mich zunächst etwas formal, aber man findet doch sehr schnell rein. Die Teilnehmenden müssen sich nämlich zuerst auf eine sogenannte „Speakers List“ setzen lassen. Dann wird darüber abgestimmt wird, wieviel Redezeit alle Delegierten zu einem bestimmten Thema haben. All diese Vorbereitungen sind zwar zeitaufwendig, aber auch notwendig, um so viele Menschen zu organisieren und Sprechanteile fair zu verteilen. Darüber unterhalte ich mich mit Michi, der Lehramt studiert und in der Versammlung Island repräsentiert. Ihm macht es Spaß, sich in der Rolle eines Landes einzufinden und für die Interessen einzustehen. Er berichtet:

„Für mich war es zunächst eine Herausforderung in das Englische reinzukommen und vor so vielen Menschen sprechen zu müssen, aber heute am zweiten Tag klappt es gleich schon besser.“

Michi, Lehramtsstudent

Wenn es nicht nach einem Kompromiss in der Diskussion aussieht, kann auch eine Pause vereinbart werden, in der sich die sich die Vertreter:innen der Länder zurückziehen und weitergehend beraten – mit einer vorherigen Abstimmung versteht sich. Wenn nach der Frage: „All those in favour“ die Mehrzahl der Länderkarten in die Luft gestreckt werden, kann die Sitzung unterbrochen werden. Gerade Pausen bieten eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen und Kompromisse zu bilden, wenn es starke Uneinigkeiten gibt.

Genauso kann man sich in einer kurzen Verschnaufspause auch auf eine Rede vorbereiten. Vor so vielen Menschen eine Rede mit politischen Fachbegriffen zu halten, stelle ich mir herausfordernd vor. Darüber spreche ich mit Aya, die die USA vertritt, und sie erzählt mir, wie sie sich in der Konferenz einfinden konnte:

„Am Anfang war ich nervös, aber jetzt bin ich viel sicherer und traue mich etwas vorzutragen oder mich zu melden. Dadurch dass man die Leute in den Besprechungen kennenlernt, ist es nicht so unangenehm wie ich zuerst dachte.“

Aya, Jurastudentin

Neben den ernsten Thematiken auf der Tagesordnung bemerke ich, dass noch etwas oben auf der Liste der Prioritäten steht: es soll vor allem Spaß machen. Sei es ein Meme, das in Anlehnung an StarWars verkündet „The Council has spoken“, die Pizza, die in der Mittagspause für Stärkung sorgt oder die symbolische Verschiebung des letzten Meetings auf das nächste Jahr, all das zeigt, dass auf der Konferenz genauso Platz für Humor ist und die Teilnehmenden sich nicht zu ernst nehmen.

Veranstaltet wurde die GiMUN dieses Jahr von Vera Strobel und Sannimari Veini mit Unterstützung des Lehrstuhls der Professur für Öffentliches Recht und Völkerrecht Thilo Marauhn. Ich spreche mit Vera Strobel und sie betont, dass die GiMUN für sie besonders der Erfahrungsaustausch ausmacht. Von einer Beginners Conference mit einer bis zwei Wochen Vorbereitung wie sie es in Gießen ist, kann man sich zu einer Expert Conference wie in New York weiterentwickeln. Die Delegates aus der GiMUN waren gerade Anfang April in New York und teilen ihre Eindrücke hier. Die Erfahrungen, die gesammelt werden, können wiederrum als Chair weitergegeben werden, wenn man eine Sitzung leitet. Sie erhofft sich, dass die Teilnehmenden ein besseres Verständnis der Vereinten Nationen für sich mitnehmen können, das Zwischenmenschliche im Vordergrund steht und dass sie und über den Tellerrand des eigenen Studienfachs blicken. Ebenso sagt sie, dass Teilnehmende hier Soft-Skills erlernen, wie gute Kommunikation und Problemlösung, die nicht nur im beruflichen, sondern auch im Privatleben von Vorteil sind. Die nächste Gießen MUN Anfang September sowie die anschließende Teilnahme an der National MUN sind auch schon in der Vorbereitung und Teilnehmende aus vielfältigen Studiengängen sind erwünscht.

Julika Giese