CleanUpWalks

Es ist eine laue Sommernacht. Ich radle den von Straßenlaternen beleuchteten Schiffenberger Weg hinunter. Die aus der Ferne tönende Musik wird mit jedem Tritt in die Pedale ein wenig lauter. Die ersten Demobesucher kommen mir entgegen und scheinen schon wieder auf dem Rückweg zu sein. Ich bin ein wenig spät dran. 22:15 Uhr. Schnell schließe ich mein Rad an und folge den lauten Bässen und der sich immer dichter drängenden Menschenmenge.
Umgeben von der bunten Masse muss ich mich kurz an den Geruch von so vielen Menschen gemischt mit Alkohol und Zigaretten gewöhnen. Es ist schon eine Weile her, dass ich auf einer Demonstration war. Dieses Jahr geht es bei der Nachttanzdemo insbesondere um Fridays for Future, Gentrifizierung und Kulturraumverlust. Mein Blick wandert über die Gesichter. Viele tragen eine Maske, manche wiederum nicht.
Nach ein paar Schritten entdecke ich es: Unübersehbar steht da ein rotes Auto, dessen Ladefläche gefüllt mit Müllbeuteln ist. Ringsherum laufen mit Holzzangen bewaffnete oder Handschuh tragende Menschen, die sämtlichen Müll in die Beutel sammeln. Nach einer kurzen Frage an den Fahrer finde ich Silja und Kristina, zwei der drei Organisatorinnen der CleanUpWalks. Sie rüsten mich ebenfalls mit Handschuhen und einer Zange aus, damit ich mithelfen kann. Ich sammele leere Dosen, Flaschen und Plastikmüll und sortiere sie in die Müllbeutel. Der Bass vibriert und sorgt für einen Rhythmus, zu dem es sogar Spaß macht die Überbleibsel der Demo aufzuheben. Für eine kurze Zeit ist kein neuer Müll in Sicht. Ich schnappe mir Silja und Kristina. Wir legen unsere Zangen zur Seite, setzen uns auf den Bürgersteig und kommen ins Gespräch.

Das Müllproblem selbst in die Hand nehmen

Die beiden haben bereits mehrere CleanUpWalks organisiert. Ein Beitrag auf Instagram zeigte im Juni wieviel Müll sich durch Partys auf den Lahnwiesen angesammelt hatte. Auch am Uni-Hauptgebäude kam es zu einem Müll- und Feierproblem, das ihnen nicht mehr aus dem Kopf ging. Lukas (mittlerweile CleanUp-Alumnus) verhalf dann durch die Kommunikation über den AStA zu der ersten größeren Aktion mit über 50 Leuten auf dem Straßenfest am Alten Wetzlarer Weg. Über ihren eigenen Instagram-Account oder die Telegram- und WhatsApp-Gruppen bekommen sie seitdem regelmäßig Hilfe angeboten und verabreden sich zum Müllaufsammeln. Offizielle Unterstützung bekommen sie durch die Stadt, die die Müllbeutel sponsoren und sie in das Sauberkeitspaten-Programm aufgenommen haben. Dieses Programm sorgt dafür, dass sie ausreichend mit Handschuhen, Zangen und Müllbeuteln ausgestattet sind. Außerdem sind sie heute die offiziellen Kooperationspartner der Nachttanzdemo.

Foto: Anna-Lena Kehr
Ein CleanUp-Bus inklusive DJ.

Raus aus der Komfort-Zone

Silja erklärt, es sei ihnen besonders wichtig die Aufräumaktionen und das Bewusstsein außerhalb einer „grünen Bubble“ zu erschaffen. Viele, die mitmachen seien auch die, die den Müll verursachen und bisher noch nicht so viel mit dem Thema in Berührung kamen. „Es ist so schön zu sehen, dass Leute auch hier auf der Nachttanzdemo total mitziehen. Wir wollen die Grenze zwischen diesen zwei Welten brechen und es geht darum, Menschen von außerhalb zu erreichen“, merkt sie an. Es gibt eine Welt von Menschen, die ihren Müll liegen lassen. Daneben steht eine andere, die sich dafür einsetzt, dass es wieder sauber ist. Diese beiden Welten zu vereinen ist eine Herausforderung. Und die nehmen sie an. Ich bin beeindruckt von ihrer Bereitschaft und Motivation, Sonntag morgens – oder wie heute Samstag nachts – durch Gießen zu laufen und den Müll anderer zu entsorgen. Ich frage die beiden, was sie antreibt. Dabei wird klar: Dahinter steckt nicht nur der Wunsch nach einer sauberen Stadt, sondern auch Dankbarkeit. Sie wollen zeigen, dass weitere Lockerungen und Partys problemlos möglich sind, wenn danach wieder aufgeräumt wird. „Wenn der gesamten Partyszene der Raum genommen wird, dann weichen die aus“, sagt Kristina. Ihrer Meinung nach wird das Problem durch das nächtliche Sperren öffentlicher Plätze nicht gelöst, sondern nur verschoben. Die Verantwortung an sich zu nehmen und den Menschen, die den Müll hinterlassen das Bewusstsein dafür zu geben steht für sie im Mittelpunkt.

„Wer feiern kann, der kann auch aufräumen!“

Das ist das Motto des Abends. Ich muss feststellen: Es funktioniert. Selbst die, die nur zufällig auf die CleanUp Aktion aufmerksam geworden sind helfen mit. Ich laufe umher und unterhalte mich mit denen, die mitmachen. Als ich in einem Meer aus Zigaretten herumstochere, fällt mir eine junge Frau auf, die Demonstrierende nach Leergut fragt. Fleißig eilt sie an mir vorbei. Sie heißt Carolina, die, nachdem sie keine Lust mehr auf das Tanzen hatte, angefangen hat mitzuhelfen. „Ich fühle mich nützlich“, sagt sie fröhlich und strahlt. Etwas später treffe ich Moritz. Er steht am Bürgersteig und erklärt: „Es geht auch darum, einen guten Eindruck zu hinterlassen, weil was von uns hängen bleiben soll und das ist nicht der Müll.“ Auch sein Freund Lennart erzählt mir begeistert, dass es in seiner Gruppe richtig Spaß gemacht hat den Müll aufzusammeln. Ich winde mich durch die tanzende Menge nach vorne an den Demozug. Dort finde ich die zwei, die seit dem ersten CleanUpWalk am Start sind. Gentijana und Kathi sind Freundinnen der Organisatorinnen und unterstützen sie treu seit dem ersten Walk. Sie erklären mir: Es geht auch darum, Präsenz unter der Jugend zu zeigen, dass man seinen Müll nicht überall liegen lassen kann. Vor allem Zigarettenstummel finden sie immer wieder, was ihrer Meinung nach nicht sein müsste, wenn es genügend Mülleimer gäbe. Daher auch ein Appell ihrerseits an alle Raucher: „Schafft euch einen tragbaren Aschenbecher an!“.
Mit ihnen spreche ich auch darüber, ob manche heute nur für die Aftershowparty mitmachen. Als Belohnung bekommen die Helfer, die sich für einen Zeitraum eingetragen haben nämlich kostenlosen Eintritt. Sie sagen, es sei nicht auszuschließen, aber der Großteil helfe auf jeden Fall aus der gleichen Motivation wie sie.

Foto: privat
Die CleanUp-Helfer*innen Stefan, Franzi und Lea bei der Arbeit (v.l.n.r.).

Fast geschafft

Das Aufräumen neigt sich dem Ende zu. Die Musik ist bereits abgebaut und der Wagen mit Müllsäcken steuert Richtung Aftershowparty. Flaschen mit hineinzunehmen ist dort verboten und dementsprechend viel Leergut ist vor dem Eingang zu finden. Ich lerne Franzi kennen, wir schnappen uns einen Müllsack und beginnen alles einzusammeln. Dabei erwähnt sie, dass es besonders wichtig sei, dass die Menschen beim Feiern merken, dass das später nicht irgendjemand wegmacht, sondern genau die, die mit ihnen feiern.
Die Massen strömen an uns vorbei. Manche starren uns verwirrt an, andere ignorieren uns bewusst. Jemand bedankt sich bei uns. Ich schalte die Außenwelt kurz ab. Die Szenerie verschwimmt und verwandelt sich in bunte flitzende Flecken. „Wieviel einfacher wäre es, wenn jeder von Anfang an einfach seinen eigenen Müll wegräumen würde?“, frage ich mich.

Gedankenverloren spüre ich wie etwas über meinen linken Fuß fließt. Der Schuh ist nass und mein Mückenstich darunter fängt an zu brennen. Verdammt. Der Beutel ist gerissen und die Mischung sämtlicher Getränke ergießt sich über den Boden und nun auch über mein rechtes Hosenbein. Mit einem Ruck heben wir den Beutel in den Wagen. Geschafft! Wir lachen, als wir feststellen, dass wir nicht als einzige von dem Leck getroffen wurden. „Zum Glück gibt’s ne Waschmaschine“, sagt jemand. Ganz genau, wir lassen uns von dem Malheur nicht aufhalten und sammeln weiter.
1 Uhr. Wir sind fertig. Ich werde herzlich verabschiedet, die anderen gehen noch feiern. Ich freue mich auf mein Bett. Es hat erstaunlich viel Spaß gemacht mit der Musik hinter mir und den netten Menschen um mich herum Müll aufzusammeln. Ich steige auf mein Rad. Die Musik verblasst mit jedem Tritt in die Pedale.

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