Kommentar Gendern

„Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Nicht erst irgendwo in den Tiefen des Grundgesetzes, sondern direkt hinter den persönlichen Freiheitsrechten, ja im dritten Artikel, finden die Frauen ihren gleichberechtigten Platz neben den Männern. Mehr können sie sich wahrlich nicht wünschen, dürfen wählen, arbeiten und bekleiden sogar höchste Ämter in der Politik – kurzum: Frauen haben heute alle Rechte, die sie brauchen. Beschwerden? In höchstem Maße unerwünscht. Sicherlich gäbe es auch keine, mal abgesehen von der sexualisierten Gewalt, dem Gender Pay Gap und halb nackten Superheldinnen, wäre da nicht das generische Maskulinum. Lächerlich, Frauen in der Sprache nun auch noch zu benennen; das könnte Veränderung bedeuten oder gar – ginge man nach Goethe – den eigenen, achtlosen Charakter entblößen. Erst im April dieses Jahres veröffentlichte die Hessenschau einen Artikel über einen Kasseler Studenten, der sich in Klausuren angeblich gegen das Gendern wehrte und dafür Punktabzug erhalten habe. Die Debatte ist also keineswegs überflüssig – alt vielleicht, aber definitiv nicht überflüssig.

„Frauen werden ja mitgemeint.“ Das wohl häufigste Argument gegen gendergerechte Sprache. Auch wenn in einer Gruppe von 100 Menschen nur ein einziger Mann zu finden ist, sind es dennoch Ärzte, Studenten oder Verkäufer. Die Frauen? Unsichtbar. Faktisch ist es für unser Gehirn irrelevant, wen wir mitmeinen, denn Sprache beeinflusst unser Denken. Wenn wir also von Ärzten oder Studenten reden, gehen wir automatisch von Männern aus. „Generisch“ wird das Maskulinum zunächst nicht verstanden, das Gehirn stolpert, hält den Mann für das einzig angesprochene Geschlecht. Erst nachdem es um die Ecke gedacht hat versteht es, dass Frauen dazuzählen sollen. Gendern kann genau dafür ein Bewusstsein schaffen. Frauen werden sichtbar. Nur durch dieses kleine Anhängsel lassen sich verstaubte Denkmuster aufbrechen.

Hat man sich nun dazu entschieden, Frauen explizit zu nennen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Von der Feminisierung (Studentinnen und Studenten) über neutrale Ausdrücke (Studierende) bis hin zu sogenannten Genderzeichen. Gegner laufen jetzt zur Hochform auf. Die Sprache würde durch das Gender-Sternchen „verhunzt“ (Dr. Tomas Kubelik, Germanist und Buchautor), obwohl schon der sogenannte „Glottisschlag“ das Gegenteil beweist. Dies ist ein harter Tonansatz beim Sprechen der die Wort- und Silbentrennung verdeutlicht: Be_inhalten (statt: Beinhalten), Spiegel_Ei, Schüler_innen. „Die Sprache ist schon immer so!“ Nicht nur ein sprachhistorisch fragwürdiges Argument, sondern auch bemerkenswert rückständig. Sogar in mittelalterlichen Rechtstexten wurden sowohl Männer als auch Frauen benannt. Nun also zu behaupten, Frauen würden schon immer mitgemeint, beweist bestenfalls den eigenen, engstirnigen Charakter. Und wer denkt, dass Sprache statisch sei, irrt gewaltig.

Zugegeben, neue Wörter können irritieren. Jedoch gewöhnen wir uns bemerkenswert schnell an sie. Wer kann sich heute noch ein Leben ohne Smartphone, Tablet oder Blu-ray vorstellen? Eben. Das Wort Abstandsgebot gibt es übrigens erst seit Beginn der Corona-Pandemie, inzwischen ist es für uns alle aber selbstverständlich. „Lächerlich“ wäre also in keiner Weise das Gendern; allenfalls der Charakter der versucht Veränderung nur zu verteufeln und Sprache einzusperren.

Das Ding mit den Geschlechtern ist doch eigentlich keine Hexerei, ebenso wie das Wahlrecht keines war oder die Möglichkeit, höchste Ämter in der Politik zu bekleiden. Diese Dinge sind heute völlig normal. Das Gendern, ob geliebt oder gehasst, bricht somit erneut die Regeln des Patriarchats, und regt zumindest zum Denken an. „Lächerlich“, sagen manche, die immer noch nicht verstanden haben, dass allein die Diskussion Frauen sichtbar macht und eine neutrale Sprache eine offenere Denkweise über Geschlechterrollen schafft. „Lächerlich“ sagen jene, welche Student*innen als Diktatur der Sprache verstehen. Klar ist aber, dass auch durch Sprache Veränderung passiert und Menschen, die auf Stillstand plädieren, lassen – frei nach Goethe – nichts anderes zu Tage treten als ihren eigenen Charakter.

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