Erneut neigt sich ein Semester dem Ende zu. Während sich nun die meisten Studierenden in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, sich der Arbeit zuwenden oder sich vorbildlich an die Hausarbeiten machen, endet für andere mit der Abgabe der Bachelor- oder Masterarbeiten nicht nur das Semester, sondern auch das Studium. Doch was jetzt?

Mandy und Martin haben sich für einen ungewöhnlichen Ansatz entschieden. Anstatt sich ihrem ursprünglichen Studiengebiet zu widmen, haben die beiden sich selbstständig gemacht – als Tätowiererin und Fotograf. Wir haben mit ihnen über ihre ungewöhnliche Wahl und das Leben als Selbstständige gesprochen.

Foto: Martin Müller

Martin, 24, hat bis 2017 außerschulische Jugendbildung und Soziologie an der JLU studiert. Nach seinem Bachelor fand er seinen ersten Job in einem Pflegeheim für Menschen mit Behinderungen, wurde dort jedoch nicht glücklich. Also entschied er sich kurzerhand, seinen sicheren Arbeitsplatz zu kündigen und sein Hobby, die Fotografie, zum Beruf zu machen. Seitdem arbeitet er als selbstständiger Fotograf und hat sich auf Band- und Konzertfotographie spezialisiert.

Seine Freundin Mandy, 25, hat sich nach demselben Studienabschluss schon ein Jahr früher in die Selbstständigkeit gewagt. Ausgehend von einem Praktikum im Tattoo-Studio absolvierte sie neben dem Studium eine Ausbildung zur Tätowiererin und entschied sich nach ihrem Bachelor für diesen Weg. Mittlerweile hat sie ihr eigenes Tattoo-Studio eröffnet.

Universum:Mandy, Martin, eure berufliche Laufbahn klingt für viele erstmal ungewöhnlich. Wie verlief euer Weg in den jetzigen Beruf?

Mandy: Ich habe 2015 ein freiwilliges Praktikum bei einem Tätowierer gemacht, eigentlich nur an der Theke. Das lief echt gut und nach den vier Wochen Praktikum wurde mir dann ein Ausbildungsplatz angeboten. Den habe ich angenommen und war, während ich weiterhin studiert habe, zweimal die Woche im Studio. Ich habe schnell gemerkt, dass es mein Ding ist und habe nach einiger Zeit ein Kleingewerbe in dem Studio angemeldet. Ich war mir sicher, dass ich es weiterverfolgen will, wollte aber auf jeden Fall erst mein Studium beenden und im sozialen Bereich arbeiten. Etwas zu finden, hat sich aber ewig hingezogen. Irgendwann kam dann tatsächlich von meinem Papa der Anstoß: „Ach jetzt probier‘s doch einfach mal!“ Ich habe dann auch relativ schnell einen Laden gefunden. Im Endeffekt wurde ich also ein bisschen hinein geschubst!

Martin: Als ich meine Stelle im Pflegeheim gekündigt habe, kam mir die Idee, es mal mit der Fotografie zu versuchen, weil ich es schon länger im Kopf hatte und ich in meinem derzeitigen Job überhaupt nicht glücklich war. Außerdem hatte ich natürlich mit Mandy ein Vorbild für das Leben in Selbstständigkeit, hätte mich selbst aber nie getraut, den Schritt auch zu wagen. Es war dann schon eher Mandy, die irgendwann meinte: „Ich kann es nicht mehr mitanschauen, wie du immer von der Arbeit kommst. Probier‘ es mit der Fotografie einfach mal, wir kriegen das zusammen schon hin.“

Universum: Eure Entscheidung, sich nach dem Studium als Tätowiererin und Fotograf selbstständig zu machen, war durchaus riskant. Wie hat euer Umfeld auf den Schritt reagiert?

Martin: Die Reaktionen waren gemischt. Es waren am Anfang noch nicht alle ganz überzeugt, meine Familie und Freunde waren erst mal unsicher. Jeder kriegt natürlich mit, dass Selbständige speziell in der künstlerischen Richtung oft Probleme haben, an Aufträge zu kommen. Letztendlich standen jedoch alle hinter mir.

Mandy: Bei mir war das Feedback eigentlich durchweg positiv. Da ich ja während dem Studium schon im Studio tätowiert hatte, wusste ich eigentlich schon, wie der Hase läuft. Daher hatten auch meine Eltern den Eindruck, dass ich auf den Schritt vorbereitet bin. Auch meine ehemaligen Mitarbeiter aus dem alten Studio waren sich sicher, dass das klappen kann und haben mir sogar explizit zu dem Schritt geraten.

Universum: Wie war letztlich eure Erwartungshaltung, bevor es richtig losging? Habt ihr damit gerechnet, erfolgreich zu sein?

Mandy: Ich war mir eigentlich, speziell durch mein relativ erfolgreiches Kleingewerbe, sicher, dass ich es als Tätowiererin schaffen kann. Dass es aber von Anfang an so gut läuft, hatte ich nicht erwartet. Ich hatte mir zwar schon einen kleinen Kundenkreis aufgebaut, konnte mich aber von Anfang an vor Aufträgen kaum retten!

Martin: Bei mir war der Plan nie, durch die Fotografie viel Geld zu verdienen. Ich wollte einfach mal ausprobieren, ob es klappen könnte – und falls nicht, hatte ich ja immer noch den Studienabschluss in der Hinterhand. Mir war die Leidenschaft für die Fotografie deutlich wichtiger als der finanzielle Erfolg, die wollte ich mir auf jeden Fall bewahren.

Foto: Martin Müller

Universum: Die Fotografie und das Tätowieren haben auf den ersten Blick nicht viel mit euren Studienfächern gemeinsam. Konntet ihr trotzdem irgendetwas aus dem Studium in eure aktuellen Jobs mitnehmen?

Mandy: Was ich im Studium gelernt habe, ist mich selbst zu organisieren. Ich habe das Gefühl, dass einem in der Uni manchmal Steine in den Weg gelegt werden, ich musste mich schon durchkämpfen, um dafür zu sorgen, dass alles so funktioniert, wie ich es wollte. Das hilft mir tatsächlich jetzt. Ansonsten war der Schwerpunkt meines Studiums eher theoretisch, das kann ich auf meine jetzige Situation leider nicht wirklich anwenden.

Universum: Wie habt ihr den Start in die Selbstständigkeit finanziell gestemmt?

Mandy: Ich musste für meine Ausbildung kein Geld bezahlen, da hatte ich richtig Glück. Sobald ich dann angefangen habe zu stechen, habe ich ein Gehalt bekommen und mit dem Kleingewerbe dann auch genug verdient, sodass ich mir etwas zurücklegen konnte. Ich musste also zum Glück nicht so viel investieren, als ich mein Studio eröffnet habe, weil ich vorher schon nach und nach Maschinen gekauft und Material angesammelt hatte. Es kam dann nicht auf einen Schlag auf mich zu.

Martin: Auch ich musste mir, als ich angefangen habe, kein Equipment kaufen, ich hatte tatsächlich schon alles. Ich wusste schon ungefähr ein halbes Jahr davor, dass es darauf hinauslaufen würde, dass ich kündige und mich dann erst mal über Wasser halten muss, unabhängig von dem, was ich danach mache. In diesem Moment habe ich dann auch angefangen, mir jeden Monat eine relativ große Menge von meinem Gehalt zurückzulegen. Das hat mir die erste Zeit auf jeden Fall geholfen, aber ich muss auch sagen, dass es ohne Mandys Unterstützung wahrscheinlich nicht funktioniert hätte.

Universum: Vor allem den Aufbau eines Kundenkreises bzw. das Ergattern von regelmäßigen Aufträgen stellen sich viele als große Herausforderung vor. Wie habt ihr das gemeistert?

Martin: Im Band- und Konzertbereich, auf den ich mich ja dann recht schnell konzentriert habe, kannte ich schon viele Leute, da ich schon früher viel in dieser Szene unterwegs war. Von da an lief es eigentlich meistens über Weiterempfehlungen durch Freunde. Irgendwer kannte immer irgendwen, der jemanden suchte.

Universum: Also musstet ihr nie öffentliche Werbung betreiben?

Martin: Öffentliche Kundenakquise war nie mein Ding. Ich tue mich schwer damit, mich selbst zu vermarkten, dafür bin ich nicht der Typ.

Mandy: Auch beim Tätowieren geht es natürlich viel übers Hörensagen.Ich poste allerdings schon regelmäßig auf Facebook und Instagram, dadurch gewinne ich viele Kunden. Was mir tatsächlich auch sehr geholfen hat, sind Sticker. Ich hatte beispielsweise mal eine totale Welle an Neukunden aus Fulda. Als ich dann mal nachgefragt habe, wie sie denn auf mich aufmerksam geworden sind, hat mir eine Kundin erzählt, dass meine Sticker unter jedem Aschenbecher in der Unimensa in Fulda kleben – wie die dahin gekommen sind, weiß ich selbst nicht.

Universum: Was sind für euch die Nachteile der Selbstständigkeit, nachdem ihr beide schon gewisse Erfahrungen sammeln konntet?

Mandy: Es kommt darauf an, was für ein Typ du bist. Selbstständig sein heißt, dass du so gesehen immer arbeitest. Das wurde mir auch von meiner damaligen Chefin gesagt: „Wenn du dich dazu entschließt, Tätowiererin zu werden, bist du das 24/7“. Wenn ich neue Leute kennenlerne werde ich natürlich auch immer als Tätowiererin vorgestellt. Du redest die ganze Zeit darüber, kriegst oft Bilder gezeigt, jeder spricht dich auf Terminvergaben an… Auf Social Media muss man natürlich auch ständig erreichbar sein. Ich habe anfangs auch noch nachts auf Nachrichten von Kunden geantwortet, das mache ich mittlerweile aber nicht mehr. Man muss für sich klare Grenzen ziehen, sonst ist man irgendwann am Burnout angelangt.

Auch Urlaub zu machen, kann schwierig sein. Wenn ich nicht arbeite, kommt natürlich auch kein Geld in die Kasse, also muss ich vor- oder nacharbeiten. Sich spontan krank zu melden, geht auch nicht so einfach, dann muss ich manchmal Kunden absagen, die sich dafür sogar extra frei genommen haben. Das heißt, dass man auch weniger krank ist, weil man sich das schlicht nicht so oft leisten kann. Ich habe zwar schon eine Versicherung dafür, dass ich mal längerfristig krank bin, aber für kurzfristige Sachen muss ich vorher auf dem Konto einen Puffer schaffen.

Foto: Jonas Brehm

Martin: Als Vollzeitfotograf im Musik-Bereich musst du immer unterwegs sein, auf Tour mit verschiedenen Bands… Anders geht es eigentlich nicht, du musst wirklich immer arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Da habe ich selbst auch relativ schnell gemerkt, dass ich das nicht könnte.

Universum: Und welche Vorteile seht ihr?

Mandy: Ein großer Vorteil ist für mich, dass ich mir alles selbst einteilen kann. Wenn ich weiß, dass ich zu einer Hochzeit möchte, halte ich mir den Tag frei und lege mir die Arbeit auf den nächsten. Das ist schon cool. Und dadurch, dass ich eigentlich immer mehr Anfragen kriege als ich bearbeiten kann, kann ich mir die Sachen so aussuchen, wie ich mag. Das heißt, ich habe jeden Tag Bock, auf die Arbeit zu gehen, Kunden zu treffen und neue Motive zu stechen. Für mich hat es auf jeden Fall mehr Vorteile als Nachteile.

Martin: Es hat mir gut getan nach dem stressigen Job davor die Möglichkeit zu haben, jeden Tag zu entscheiden, was ich machen will, aber ich freue mich jetzt auch wieder darauf, die Struktur einer festeren Arbeitsstelle zu haben.

Universum: Hättet ihr den Schritt auch ohne abgeschlossenes Studium gewagt?

Martin: Gute Frage. Ich glaube zumindest nicht, dass ich mein Studium dafür abgebrochen hätte. Dafür wäre ich dann doch zu ängstlich gewesen und wäre im Zweifelsfall auf Nummer Sicher gegangen.

Mandy: Ich denke auch, dass ich das Studium beendet hätte. Vor allem, weil ich an Erfahrungen sonst außer dem Abitur nichts vorzuweisen gehabt hätte, da die Arbeit im Tattoo-Studio mein erster richtiger Job war. Mir war es wichtig, erstmal eine Sache abgeschlossen zu haben.

Universum: Habt ihr je überlegt, euer Studium wieder aufzugreifen?

Mandy: Ich habe es natürlich immer im Hinterkopf, als Absicherung, falls das Geschäft mal nicht mehr laufen sollte. Das fühlt sich gut an.

Martin: Ich werde, nachdem ich nun ein Jahr selbstständig war, zum September wieder eine feste Stelle als Angestellter im sozialen Bereich annehmen. In dem Jahr habe ich gemerkt, dass mir die soziale Arbeit und insbesondere ein strukturierter Alltag fehlen. Ich werde zwar weiterhin nebenbei fotografieren, möchte mich aber dann nur noch auf die Sachen konzentrieren, die mich auch wirklich interessieren. Ich bin super froh, dass ich es gemacht habe, aber merke auch, dass ich vielleicht einfach ein bisschen zu unstrukturiert für die Selbstständigkeit bin.

Universum: Was würdet ihr abschließend Studenten empfehlen, die mit dem Gedanken spielen, sich irgendwann selbstständig zu machen?

Martin: Wenn ihr eine Idee im Kopf habt, die ihr gerne verfolgen würdet, probiert ihr es am besten einfach aus. Man sollte sich auch nicht scheuen, vielleicht einen Wechsel zu wagen. Wenn man überlegt, dass man ja noch die nächsten 45 Jahre arbeiten muss, dann fallen die paar Jahre, die man zusätzlich braucht, um das Richtige zu finden, dagegen nicht so ins Gewicht. 

Mandy: Wichtig ist, dass man sich in jedem Fall kompetente Unterstützung dazu holt. Ich habe mich vor dem Schritt in die Selbstständigkeit von befreundeten Tätowierern beraten lassen und mich beim Gewerbe- und Gesundheitsamt abgesichert. Mittlerweile habe ich außerdem jemanden, der mir bei der Steuer hilft und einen Versicherungsberater. Diese Absicherungen sind auch wirklich wichtig, da man als Selbstständige für alles zuständig ist – und man ja nicht von allem Ahnung haben kann.

Wenn sich aber irgendwie die Möglichkeit bietet und ihr gewisse finanzielle Grundlagen habt: Macht es! Je länger man wartet, desto schwieriger wird es. Irgendwann ist man in seinem Berufsfeld gefangen und kommt nicht mehr raus.

Universum: Vielen Dank für eure Zeit und die wertvollen Tipps!

Anna Busch

Redakteurin

• studiert Geschichte und Fachjournalistik im 3. Semester
• interessiert sich unter anderem für Musik, Politik und Nachhaltigkeit
Anna Busch

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