Ich halte ein Messer in der Hand und frage mich: „Soll es sein?“ Und eine Stimme in mir antwortet: „Es soll.“ Ich beginne zu schneiden; und je mehr ich schneide, desto mehr weine ich. Aber es muss sein – die Zwiebel schneidet sich nicht von allein. Und wie die Tränen ein Teil von mir sind, so ist die Zwiebel ein Teil meines Abendessens.

Ich habe mich entschieden, eine Suppe zu kochen: Kartoffelsuppe – mein Spezialgericht. Ich habe mich also freiwillig dazu entschieden, den Kampf mit der Zwiebel aufzunehmen; ich koche schließlich absichtlich. Und jeder, der behauptet, ich würde hier unabsichtlich kochen, der führt bei mir nicht zu tränenden Schmerzen in den Augen, sondern im Kopf.

Zwiebel-Wünsche

Ja, ich tue das hier mit Absicht. Denn hinter dieser Handlung steht mein Wunsch nach Essen – Hunger, wie manche sagen. Und natürlich tummeln sich auch zahlreiche andere Wünsche in meinem Gedanken-Wohnzimmer: Einer hat Hunger, einer ist müde, einer will die Tränen-Flut stoppen, einer will noch mehr Zwiebeln, und in der Ecke weint mein Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit. Ich blicke auf die Chili-Schote neben meinem Schneidebrett: „Es soll.“

Aber Moment: Ist mein Wunsch nach Essen schon eine Absicht zu kochen? Wohl kaum. Schließlich könnte ich auch den Wunsch haben, dass nun meine Freundin zur Tür hereinkommt und mir etwas zu essen macht. Ich blicke zur Tür: Ich habe keine Freundin. „Warum weinst du?“, fragt ein Mitbewohner in der Tür. „Zwiebel“, sage ich.

Kartoffel-Absichten

Ich wende mich wieder meinem Gemüse zu. Schließlich warten die Kartoffeln darauf, geschält zu werden. Aus ihrer Schüssel schauen sie mich an. Ich schaue zurück. Wenn ich nun die Absicht habe, sie zu schälen, so ist diese Absicht also mehr als mein bloßer Wunsch, sie zu schälen. Die Absicht ist vielmehr die Festlegung darauf, den Wunsch auch umzusetzen. Daher können sich meine Absichten auch nur auf meine eigenen Handlungen beziehen, Wünsche hingegen – wie am Beispiel der Freundin – auf alles Mögliche.

Die Schneide-Überzeugung

Was aber, wenn ich nun beabsichtige, die Kartoffeln nicht zu schälen, sondern daraus etwas zu schnitzen – ein Drachenboot zum Beispiel. Das könnte dann auf meiner Suppe treiben. Somit hätte ich einen Wunsch, würde mich auf seine Realisierung festlegen und anschließend etwas tun. Allerdings könnte man dieses Tun schwerlichst als absichtliches Tun bezeichnen. Ich kann nämlich gar kein Drachenboot schnitzen – da bin ich mir sehr sicher. Egal also, welches Gefährt dabei herauskäme: Es würde im Suppen-See kentern. Um das, was ich tue, also als absichtliches Tun zu beschreiben, braucht es eine Absicht, von der ich zugleich überzeugt bin, dass ich sie realisieren kann. Ich muss also überzeugt davon sein, dass die Umsetzung meiner Absicht überhaupt möglich ist. Ansonsten könnte ich auch die Absicht haben, meine Kartoffeln allein mittels magischer Finger-Bewegungen zu garen. Würde mich dann jemand fragen, was ich mit meinem Fuchteln vor dem Herd mache, könnte ich schwerlichst sagen: „Ich koche.“

Damit ich also wirklich sagen kann, dass ich absichtlich koche, braucht es nicht nur Zwiebel-Wünsche, sondern auch Kartoffel-Absichten. Und bei meinen Absichten muss ich wirklich überzeugt sein, dass sie überhaupt umsetzbar sind. Meine Zwiebeln und Chilis braten also knisternd in der Pfanne, daneben sprudeln die kochenden Kartoffeln im Topf – das ist Absicht. Ich überlege, ob ich noch etwas Knoblauch schneiden soll – das ist noch keine Absicht. Denn um absichtlich zu handeln, muss ich wissen, was ich tue oder vorhabe. Und ich weiß noch nicht, was ich mit dem Knoblauch vorhabe. Es fehlt der Plan. Während ich also so dastehe und ziellos den Knoblauch schneide, könnte ich auf Nachfrage erneut schwerlichst sagen: „Ich handle hier mit Absicht.“

Die Knoblauch-Handlung

Ich brauche also einen Plan: Wie viel Knoblauch verwende ich? Soll ich ihn schneiden oder pressen? Und soll ich diese Menge meinen Mitbewohnern wirklich antun? Vorweg zur Menge an Knobi: Das misst man mit dem Herzen. Während ich aber über die Art der Zubereitung nachdenke – also ob ich den Knoblauch schneiden oder pressen soll – frage ich mich, wie viele Teilhandlungen ich dabei tatsächlich beabsichtigen muss: Muss ich absichtlich nach dem Messer greifen, den Knoblauch absichtlich auf das Schneidbrett legen, Arm und Hand absichtlch auf- und abbewegen? Oder reicht es aus, zu sagen: Ich schneide hier mit Absicht Knoblauch. Vielleicht liegt genau hier der Unterschied: Der Unterschied zwischen „etwas mit Absicht tun“ und „etwas absichtlich tun“. Denn meine Teilhandlungen – wie das Auf- und Abbewegen des Armes – brauchen keine jeweils gesonderten Absichten. Trotzdem sind sie Teil einer Gesamthandlung – dem Knoblauchschneiden – und geschehen daher absichtlich. Aus diesem Grund würde ich nie behaupten, ich hätte das Messer beim Schneiden unabsichtlich bewegt. Allerdings würde ich auf Unabsichtlichkeit plädieren, falls ich mir in den Finger schneide. Denn das täte weh. Und es wäre weder mit einer Absicht verbunden, noch Mittel zur Realisierung der Gesamthandlung. Das Finger-Schneid-Beispiel eröffnet schlichtweg den Raum für eine gewisse Fehlertoleranz.

Wir können also festhalten, dass nicht alle Körperbewegungen während meiner Handlung aus eigenen Absichten hervorgehen müssen. So wären beispielsweise die abwechselnden Muskelkontraktionen bei der Armbewegung schlichtweg notwendig für die eigentliche Gesamt-Bewegung des Knoblauch-Schneidens. Und gerade bei komplexeren Handlungen – „Ich fahre jetzt Auto“ – müsste somit nicht jede Körperbewegung mit einer Absicht geschehen. Diese Idee lässt Raum für die Erfahrung, dass manche alltäglichen Bewegungen schon so oft wiederholt wurden, dass sie automatisch ablaufen. Sie geschehen zwar absichtlich, aber nicht mit einer fassbaren Absicht. Hinzu kommt eine gewisse Toleranz, falls eine Teilhandlung scheitert: Denn würde ich mich – wie eben angesprochen – tatsächlich beim Knobi-Schnippeln in den Finger schneiden, so würde ich wohl kaum strammstehen und sagen: „Auch diese Teilhandlung war beabsichtigt.“ Denn das Schneiden in den Finger geschah weder mit Absicht, noch absichtlich, denn es diente nicht der Realisierung der Gesamthandlung. Auch scheiternde Teilhandlungen müssen der übergeordneten Absicht also nicht im Wege stehen.

Suppen-Folgen

Aber zurück zur Suppe: Wie ist es mit der dritten Frage – also der Frage, ob ich meinen Mitbewohnern die angedachte Menge an Knoblauch antun soll? Denn dahinter steht die Überlegung: Wenn ich absichtlich eine große Menge Knoblauch verwende, beeinträchtige ich dann absichtlich alle Menschen in meiner Umgebung mit dem Knobi-Atem? Kurz gesagt: Wie weit reicht meine Absicht? An dieser Stelle haben wir gute Gründe anzunehmen, dass unsere Absichten nicht unbegrenzt in die Zukunft reichen. Denn nicht alle Folgen meiner Handlung gehören zum Gehalt meiner Absicht. Wenn ich beabsichtige, meinen Mitbewohnern mit der Suppe eine Freude zu machen, so ist es gleichwohl unbeabsichtigt, wenn einer von ihnen mit dieser Freude über die Straße tanzt und von einem Auto erfasst wird. Wenn ich also absichtlich eine Handlung ausführe, dann gibt es immer Folgen, die nicht mehr im Bereich meiner Absicht liegen. Ich nicke gutmütig und schiebe ein wenig Knoblauch in die Zwiebel-Pfanne.

Halten wir also fest: Um absichtlich zu handeln, brauchen wir neben bestimmten Wünschen auch gewisse Absichten, die wir zugleich für realisierbar halten. Allerdings müssen nicht alle Teilhandlungen, wie Körperbewegungen, auch mit einer Absicht geschehen. Manche Teilhandlungen geschehen schlichtweg automatisch als Voraussetzung für die übergeordnete Absicht. In diesen Fällen handeln wir zwar absichtlich, aber nicht mit Absicht. Außerdem haben unsere Absichten zeitliche und kausale Grenzen, sprich: Nicht alles, was aus unseren Absichten folgt, war tatsächlich beabsichtigt.

Der Kokosmilch-Dosen-Tanz

Ich stehe also in unserer Küche und püriere die gekochten Kartoffeln. Alles kommt in den Topf – mit Absicht. Nach den Zwiebeln folgt eine Dose Kokosmilch. Ich fülle den Inhalt in den Topf und werfe die leere Dose lässig über die Schulter in Richtung Mülleimer. Alles scheppert. Mein Gesicht zieht sich zusammen – es ist das typische Peinlicher-Unfall-Gesicht. Aber mein Wurf war ja kein Unfall – es war Absicht. Nach kurzem Verharren drehe mich langsam um: Die Dose liegt – im Mülleimer! Anhand der Spritzer wird allerdings klar: Vorher durchlebte sie einen wilden Tanz mit dem Geschirr im Regal, dann mit den Gläsern auf dem Tisch, und schließlich im Mülleimer selbst. Man könnte also korrekterweise behaupten: Ich habe die Dose absichtlich in den Müll geworfen. Der Wurf geschah also mit Absicht – die Art und Weise allerdings nicht! Denn der Dosen-Tanz war keinesfalls beabsichtigt. Wenn wir absichtlich handeln wollen, müssen wir also unterscheiden in eine Absicht, ob wir handeln, und eine Absicht, wie wir handeln. Wir haben also sowohl eine Anfangs-Absicht mit einem gewissen Gehalt – den Mülleimer treffen – als auch eine weitere Absicht, die sich darauf richtet, wie diese Anfangs-Absicht umgesetzt werden soll. Denn das Ob-Werfen war Absicht, das Wie-Werfen allerdings nicht. Somit muss sich die Absicht unserer Handlung nicht nur auf das Ziel richten – also das Treffen in den Mülleimer –, sondern auch auf den Weg – das Fliegen durch den Raum. Man könnte also annehmen: Wenn wir bewerten wollen, ob wir mit Absicht handeln, dann müssen wir die Art und Weise mit einbeziehen, wie wir diese Absicht umsetzen. Denn die geplante Handlung des Dose-Werfens war schließlich beabsichtigt – die tatsächlich ausgeführte Handlung inklusive Flugbahn und Dosen-Tanz allerdings nicht.

Limetten-Möglichkeiten

Ich rühre in meiner Suppe herum. Nach kurzem Aufkochen presse ich noch den Saft einer halben Limette hinein – für den fruchtigen Kick. Ich rühre noch einmal um, nehme den Topf vom Herd und betrachte nun den Rest der Limette in meiner Hand. Ich schiele auf den Biomüll hinter mir. Was ist, wenn ich nun nochmal werfe? Klar, das wäre ziemlich dumm – allein die Kokosmilch-Klekse wären den Aufschrei einer Mitbewohnerin wert gewesen. Was aber, wenn ich den Rand des Biomülls treffe und die Limettenhälfte dann hineinfällt? Das wäre ja nicht meine Absicht gewesen. Also meine „Ob-Absicht“ wäre es schon, meine „Wie-Absicht“ allerdings nicht. Schließlich will ich direkt in den Mülleimer treffen. Wenn ich also „nur“ den Rand des Mülleimers treffe, bedeutet das, dass meine gesamte Handlung nicht absichtlich war? Und ringt mein Wurf dann einem Mitbewohner noch ein respektvolles Nicken ab? Schließlich wäre es nicht absichtlich. Es wäre gewissermaßen Glück. Und für Glück gibt es keine Props. Meine „Ob-Absicht“ des Werfens lässt anscheinend zu viel Raum für unterschiedliche „Wie-Absichten“, also für die Art und Weise der Ausführung. Ich wiege die Limette in meiner Hand; an dieser Frucht soll also meine Absichts-Konzeption scheitern? Mein Werfen, mein Kochen und schließlich auch meine liebe Suppe? Gibt es einfach zu viele Limetten-Möglichkeiten?

Zu Tisch

Meine Suppe blickt mich an. Sie ist fertig – ich bin fertig. Ich habe absichtlich Suppe gekocht. Ich hatte Zwiebel-Wünsche und war überzeugt von meinen Kartoffel-Absichten. Und egal, ob jede Armbewegung absichtlich war: Ich habe mit Absicht Knoblauch geschnitten. Sogar die Kokosmilch-Dose habe ich mit Absicht in den Mülleimer geworfen. Und jetzt will mir diese halbe Limette weismachen, dass das alles nicht beabsichtigt war? Nur, weil es zu viele Möglichkeiten gibt, um meine Absicht umzusetzen? Deshalb soll ich nie wirklich absichtlich handeln können?

Ich nehme mir einen Teller Suppe und setze mich nachdenklich an den Küchentisch. Gegenüber provoziert der Biomüll an der Wand. Ich überlege: So kann das nicht enden. Es wäre schließlich absurd zu sagen, eine Handlung sei unabsichtlich gewesen, wenn sie nicht in allen Einzelheiten exakt so verlaufen wäre wie geplant. „Unabsichtlich“ – pah! Schließlich ist die Suppe im Topf neben mir ein Produkt meines Handelns. Ich habe Suppe gekocht – mit Absicht! Und selbst wenn ich keinen Schimmer davon habe, wie oft ich sie umgerührt habe, so geschah das Umrühren selbst sowohl mit Absicht als auch absichtlich. Dass manche Teilhandlungen bei meinem Kochen keine eigenen Absichten brauchen, steht meinem Kochen als absichtliche Handlung nicht im Weg. Ich betrachte die Limette neben meinem Suppenteller.

Was bleibt also? Ich runzle die Stirn. Vielleicht handeln wir seltener mit Absicht als wir es denken. Und vielleicht tun wir gut daran, unsere Handlungen zwar absichtlich, aber nicht immer mit Absicht auszuführen. Und vielleicht ist Kochen gerade deshalb so entspannend. Ich hole aus und werfe die Limette in Richtung Biomüll.

Adrian Mertes
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