Die Refugee Law Clinic ist eine Klinik der etwas anderen Art: Hier helfen Studierende Asylsuchenden mit kostenloser Rechtsberatung.

Neu in einem fremden Land. Für viele kein unbekanntes Szenario: Ein Auslandsjahr in der Schule oder Erasmus machen das Leben in einer fremden Kultur möglich. Für viele andere ist das aber eine ungewollte Realität. Im Jahr 2021 wurden in Deutschland fast 150.000 Asylerstanträge gestellt. In diesem Jahr werden es durch den Krieg in der Ukraine mit Sicherheit noch mehr. Um so wichtiger ist die Arbeit der Refugee Law Clinic (RLC), die Geflüchteten kostenlose Rechtsberatung anbietet. Aber wie genau hilft die RLC Menschen? 

Das Konzept

Die RLC in Gießen wurde 2007 gegründet und war die aller erste ihrer Art in Deutschland.  Das Konzept ist einfach: Studierende können schon während ihres Studiums Rechtsberatung für Schutzsuchende anbieten und müssen dafür nicht einmal Jura studieren. Das praxisbezogene Ausbildungsprogramm ist zwar am Fachbereich der Rechtswissenschaften angesiedelt, ist aber offen für alle Interessierte. Geholfen wird Asylsuchenden, die in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge untergebracht sind und in Gießen das Asylverfahren beginnen. Um mitmachen zu können, muss man sich zu Beginn des Wintersemesters bewerben und ein Bewerbungsverfahren durchlaufen. Nach Vorstellungsgesprächen wir dann eine Projektgruppe aus ungefähr fünfzehn Personen zusammen gestellt, die die einjährige Ausbildung antreten können. In Gießen werden jährlich um die 50 Asylsuchenden beraten. Seit 2016 gibt es auch einen deutschlandweiten RLC-Dachverein. Diesem Verein sind  mittlerweile über 30 Refugee Law Clinics beigetreten. Der Vorreiter in Gießen hat also gezeigt, dass die Idee funktioniert. Das Konzept der sogenannten „clinical legal education“ stammt ursprünglich aus dem Anglo-amerikanischen Raum und ist dort Teil der juristischen Ausbildung. Das erklärt auch den leicht verwirrenden Namen. 

Um mehr über die RLC zu erfahren, treffe ich mich in einem Zoom-Gespräch mit Emma und Aylin. Aylin ist ehrenamtlich, Emma seit 2019 auch hauptamtlich in der RLC aktiv. Besondere Fähigkeiten brauche man nicht, erzählt Emma, Koordinatorin der RLC: „Uns geht es mehr um das Interesse an dem Asyl- und Flüchtlingsrecht und eben auch der beratenden Tätigkeit danach, als um irgendwelche Noten.“ Die Beratung findet auf zwei Wegen statt, während den Infoabenden in der Erstaufnahmeeinrichtung und in Einzelfallberatungen, bei denen es um die individuellen Einzelschicksale der Klient*innen geht. Bei den Einzelfallberatungen sind die Berater*innen aber nie alleine, sondern mindestens zu zweit und bilden so ein Beratungsteam. Damit keine sprachlichen Barrieren entstehen, sind auch Dolmetscher*innen dabei – für die RLC kann man sich auch als dolmetschende Person ehrenamtlich engagieren. 

Für eine solidarische Gesellschaft

Die Arbeit in der RLC ist ehrenamtlich, die angebotene Beratung kostenlos. Die RLC ist außerdem an den Lehrstuhl Öffentliches Recht angebunden und ist somit ein universitäres Ausbildungsprojekt. Das heißt konkret: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen werden nicht bezahlt. Das spielt aber kaum eine Rolle. „Für mich war die RLC einfach eine Möglichkeit meine Privilegien zu nutzen, um mich für eine gute Sache einzubringen und mich für eine solidarische Gesellschaft zu engagieren“, erzählt Emma. Auch Aylin berichtet Ähnliches: „Ich habe in der RLC in dem Zeitraum angefangen, als gerade viele Asylsuchende nach Deutschland gekommen sind und man hier wahnsinnig viel Negatives gehört und gelesen hat. Gerade in dem Zusammenhang fand ich es doppelt wichtig, dass man da etwas macht.“ Besonders ein Aspekt hat die beiden besonders überzeugt: Sie konnten ihr Wissen im sonst eher trockenen Jurastudium praktisch anwenden und dabei sogar Menschen helfen. Aber auch die RLC hat beschränke Kapazitäten. Die Anfragen werden gefiltert, erklärt Emma: „Leider können wir nicht alle Anfragen bearbeiten, sei es auch deswegen, weil manche Sachen einfach unsere Kompetenzen überschreiten.“ In solchen Fällen werden die Asylsuchenden an andere Anwält*innen aus Hessen weitergeleitet, es wird aber auch an die Diakonie oder an die Caritas verwiesen.

Wie wichtig die RLC ist, zeigt sich besonders durch die aktuellen Entwicklungen. Denn durch den Krieg erreichen zahlreiche ukrainische Geflüchtete Gießen. Emma erzählt mir, dass es besonders wichtig sei immer auf dem neusten Stand zu sein und die aktuellen Entwicklungen zu beobachten. Für die Geflüchteten wurde das Beratungsangebot mit zusätzlichen Infoabenden erweitert. „Gerade ist es so, dass uns vor allem die Fälle erreichen, die durchs Raster fallen. Also Fälle, die komplizierter sind“, erklärt Emma. Auch das Team musste größer werden: „Wir haben natürlich auch ganz viele russisch und ukrainisch sprechende Dolmetscher*innen engagiert, damit wir die Beratungen gut sprachmitteln können. Wir haben da zum Glück viele motivierte Menschen, die uns unter die Arme greifen.“

Auf Augenhöhe

Im Laufe meiner Recherche habe ich auch mit Ramzan gesprochen. Er ist Student an der Uni Marburg und arbeitet nebenher in einer Pflegeeinrichtung für Menschen mit körperlicher Einschränkung. Er ist seit zehn Jahren in Deutschland. Zu seinem Studienstart 2017 ist er in Kontakt mit der RLC getreten, die ihm geholfen hat, die Zeugnisse aus seiner Heimat zu übertragen. Die RLC hat ihn dann bis zu Erhaltung seines Aufenthaltstitels begleitet. Dass er von Rechtsanwält*innen „in Ausbildung“ beraten wurde, hat ihn nicht gestört, ganz im Gegenteil: „Ich hatte eigentlich nichts zu befürchten. Ich wusste, dass sie Vorgesetzte haben, die ihnen helfen und mit denen sie Rücksprache halten. Es herrschte eine sehr gute Atmosphäre mit den Studenten, man hatte nie das Gefühl, dass es da nur eine formale Beziehung gab, es war eher freundschaftlich. Das ist super wichtig.“ Dabei habe auch das nahe Alter der beratenden Student*innen eine Rolle gespielt, denn so sei man sich auf Augenhöhe begegnet, erzählt Ramzan weiter. Sein einziger Kritikpunkt: „Es gab oft einen Wechsel. Manche Studierende sind gegangen, dann sind neue gekommen, denen man alles noch einmal von vorne erklären musste.“

Grenzen ziehen

Menschen in unserem komplizierten Asylsystem Orientierung zu geben und ihnen dabei zu helfen in Deutschland auch rechtlich richtig anzukommen, macht natürlich ein gutes Gefühl. Aber es gibt auch dunklere Momente während der Beratung. Manche Klient*innen haben schwierige Lebens- oder traumatisierende Fluchtgeschichten. Und nicht alle Beratungen enden mit einem positiven Ergebnis; oft müssen auch schlechte Nachrichten überbracht und Hoffnungen enttäuscht werden. Um mit solchen schwierigen Momenten besser zurecht zu kommen, bietet die RLC monatlich eine juristische Supervision an. Einmal im Semester gibt es auch eine psychologische Supervision, die Raum bietet alle  außerfachlichen Probleme zu besprechen. „Wichtig ist, nichts persönlich zu nehmen. Wenn da jemand sitzt, der wahnsinnig frustriert ist, weil ich ihm sagen muss, dass etwas nicht funktioniert und er sich das anders vorgestellt hat, dann kocht natürlich der Frust über. Dann wird es vielleicht auch mal lauter und da muss klar sein, da geht es nicht um mich. Das ist natürlich auch nicht immer so leicht, diese Abgrenzung muss man einfach lernen“, erzählt Aylin. Dabei sei es besonders hilfreich, dass man nie alleine, sondern im Team arbeite und sich auch im Vorfeld austauschen könne, erklärt Aylin weiter. 

Helfen kann einfach sein 

Die Arbeit der RLC ist nicht mehr wegzudenken: Studierenden bietet sie die Möglichkeit  ihr gelerntes Wissen praktisch anzuwenden und Asylsuchenden kostenlose Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die RLC zeigt, dass man kein*e fertig gebackene*r Rechtsanwält*in, sondern nur interessiert und motiviert sein muss, um zu helfen. Für Emma und Aylin ist ihre Arbeit auch wichtig, um sich über spätere Berufswünsche Gedanken zu machen. Emma erzählt: „Ich weiß natürlich nicht, wo genau ich lande, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, vielleicht Anwältin für Asyl- und Flüchtlingsrecht zu werden, dann kann ich mir das sehr gut vorstellen.“ Besonders schön ist, dass die RLC für alle Studiengänge offen ist und so jedem die Möglichkeit gibt zu helfen. Und das Konzept hat Erfolg, denn schon lange ist die RLC in Gießen nicht mehr die Einzige in Deutschland.


Falls ihr mehr zu dem Thema wissen wollt, klickt hier: RLC Gießen

Ana Paula Kah Acosta
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