Was sind Fake News? Was heißt es, zu lügen? Und was bitte ist Bullshit?

„Die Ausgangssperre kommt, die Supermärkte schließen ab morgen.“ – Verwirrung, Aufregung, Panik. Die Kommentare unter dem Facebook-Post überschlagen sich. Die entfachte Hilflosigkeit der Optimisten trifft auf sehnsüchtig erwartete Bestätigung der Pessimisten – hoch auf ihren Bergen an Toilettenpapier. Nach wenigen hektischen Minuten entpuppt sich die Nachricht jedoch als Fake. Schon wieder eine Falschmeldung auf Social Media. „Fake News!“ lauten die empörten Reaktionen. Die Situation bleibt angespannt, wie so häufig in den letzten Tagen. Es ist nicht die erste Falschmeldung dieser Art.

Die wiederholte Enttäuschung durch solche Fake News ist für viele Leser oftmals der Beginn zu einem generellen Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit aller Medien – von den sozialen bis zu den öffentlich-rechtlichen. Aber was sind Fake News eigentlich?

Fake News, also gefälschte Nachrichten, beschreiben keinen irrtümlichen Fehler im journalistischen oder medialen Arbeiten. Es kommt auf die Absicht an, die hinter der Nachricht steht. Sind Fake News also schlichtweg Lügen? Werfen wir dazu einen Blick auf Lügen im Allgemeinen: Philosophisch betrachtet lügt eine Person genau dann, wenn zwei Kriterien erfüllt sind: Zum einen äußert sie eine Behauptung, obwohl sie glaubt, dass diese Behauptung falsch ist. Zum anderen möchte sie durch die Äußerung ihrer Behauptung erreichen, dass eine andere Person ihr diese Behauptung glaubt. Es ist also wichtig, dass die sprechende Person ihre Behauptung bewusst für falsch hält. Hätte der Autor des Posts also wirklich an den Inhalt seiner Nachricht geglaubt, wäre diese keine Lüge. Im Falle der Fake News kommt es aber nicht nur darauf an, was die sprechende Person für wahr hält, sondern auch darauf, was tatsächlich wahr ist. Dieses Merkmal ist also unabhängig von der Einstellung der sprechenden Person.

Fake News setzen etwas tatsächlich Wahres voraus, das man fälschen kann – und nicht nur etwas Für-Wahr-Gehaltenes. Der Autor darf also das, was er fälschen will, nicht nur für wahr halten. Vielmehr muss er sogar wissen, dass es wahr ist, damit er es fälschen kann. Beim bloßen Lügen muss das nicht gegeben sein. Lügen heißt glauben, was wahr ist und das Gegenteil sagen. Fake-News-Erstellen heißt wissen, was wahr ist und das Gegenteil verbreiten. Etwas zu wissen, heißt auch, es für wahr zu halten – umgekehrt ist das nicht der Fall.

Sind Fake News damit hinreichend erklärt? Nein, denn es fehlt noch eine Dimension: Der Aspekt der Irreführung. Philosophisch betrachtet verbreitet eine Person nämlich genau dann Fake News, wenn sie lügt und ihre Äußerung tatsächlich falsch ist – oder wenn ihre Äußerung irreführend ist. Irreführung bedeutet hier: Die wortwörtliche Bedeutung darf keine weitere Bedeutung nahelegen, die falsch ist. Betrachten wir ein Beispiel:

Angenommen der anfangs erwähnte Facebook-Post hätte wie folgt gelautet: „Die Ausgangssperre widerspricht dem deutschen Grundgesetz. Merkel schließt sie trotzdem nicht aus.“ Aus philosophischer Sicht besteht diese Aussage aus zwei Ebenen: Auf der einen Ebene steht die wortwörtliche Behauptung, eine Ausgangssperre widerspreche dem Grundgesetz. Auf der anderen Ebene steht eine Implikatur. Dies ist eine Bedeutung der Aussage, die sich von der wortwörtlichen Bedeutung unterscheidet. Sie lässt sich im Kontext der Äußerung relativ leicht erschließen und könnte in diesem Falle lauten: Merkel handelt undemokratisch, autoritär oder gar diktatorisch. Diese Implikatur hätte als direkter Sprechakt einen völlig anderen Charakter, ist aber auf diese Weise gut getarnt in die wortwörtliche Äußerung impliziert – und daher kaum angreifbar. Das Öffnen der Implikatur geschieht beim Hörer, nicht beim Sprecher. Darum gibt Letzterer in einer Diskussion die Verantwortung gern an den Ersteren ab.

Man muss also unterscheiden in das wortwörtlich Gesagte und das mit Hilfe des Gesagten eigentlich Gesagte. Allerdings zeigt dieses Beispiel nicht nur einen Fall der Fake News, sondern auch den Weg in einen weiteren Bereich: Es markiert einen Übergang – von Fake News zum Bullshit.

Philosophisch untersucht wurde das Phänomen Bullshit maßgeblich von Harry Frankfurt, dem mittlerweile emeritierten Professor für Philosophie an der Princeton University in New Jersey. Laut Frankfurt handelt es sich bei einer Aussage genau dann um Bullshit, wenn der Sprecher durch sie gerade nicht wortwörtlich verstanden werden möchte. Vielmehr will er die bereits angesprochene Implikatur zu seinen Lesern tragen. Doch was unterscheidet den Bullshitter vom Fake-News-Autor? Es ist das Interesse an der Wahrheit seiner Aussagen: Wie gezeigt wurde, war der Fake-News-Autor noch am Wahrheitswert seiner Aussage interessiert. Er musste ihn kennen, um ihn fälschen zu können. Erst dadurch erhielt das Anfangsbeispiel der drohenden Ausgangssperre seine Brisanz. Der Bullshitter hingegen hat bereits jegliches Interesse am Wahrheitsgehalt seiner Aussage verloren – für ihn zählt nur die Implikatur. Aus philosophischer Sicht verbreitet eine Person demnach Bullshit, wenn sie kein Interesse daran hat, ob ihre Äußerung tatsächlich wahr oder falsch ist. Es ist für den Bullshitter schlichtweg irrelevant, ob die Behauptung auf der wortwörtlichen Bedeutungsebene, in die er seine Implikatur verpackt, wahr ist oder nicht.

Das Beispiel mit dem Widerspruch von Ausgangssperre und Grundgesetz zeigt genau das. Für die Implikatur gegen Merkel, die der Bullshitter verbreiten will, ist der Wahrheitswert der wortwörtlichen Aussage unwichtig. Die politische Agitation funktioniert auch ohne ihren positiven Wahrheitsgehalt. Sie darf lediglich nicht in einem extremen Widerspruch zu dem grundsätzlichen Weltverständnis seiner Leser stehen – dies würde sie unglaubwürdig machen. Die Aussage: „Merkel ist eine Alien-Echse – Neuwahlen jetzt!“ wäre ein solches Beispiel dafür. Ist die Anfangsskepsis wie in dem konstruierten Beispiel aber einmal überwunden, ist der Weg für die Implikatur meist geebnet.

Der Fokus auf die Implikatur zeigt, dass der Bullshitter nicht wirklich etwas behauptet – er gibt nur vor, etwas für wahr zu halten. Aus diesem Grund hat der Bullshitter auch keine Motivation, seine Aussage ernsthaft zu rechtfertigen oder im Vorfeld nicht nach Gründen für oder gegen seine Äußerung zu suchen.

Diese chaotisch anmutende Einstellung macht den Bullshitter aber nicht zu einem Internet-Troll, der andere zur eigenen Belustigung fehlinformiert. Ebenso ist Bullshitten kein Labern um des Laberns willen. Jemand, der Bullshit verbreitet, glaubt, dass seine Äußerung ein geeignetes Mittel zum Erreichen seines Ziels ist – so wie das angeführte Beispiel auf eine politische Agitation gegen Merkel abzielt. Dass er diese Absichten verfolgt, will der Bullshitter jedoch möglichst verbergen. So versteckt er die Implikatur seiner Aussage hinter jener wortwörtlichen, für ihn irrelevanten Bedeutungsebene.

Aus philosophischer Sicht ist Bullshitten also kein reines Behaupten. Es ist aber auch kein Als-Ob-Behaupten, wie es Schauspieler in ihrem Pretend Play tun – Bullshitten ist das Vortäuschen einer Behauptung. Dabei ist der wortwörtliche Wahrheitswert für den Bullshitter gleichwohl irrelevant wie uninteressant. Somit ist der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen es ihm schlichtweg nicht wert, sich auf eine Diskussion einzulassen und seine Überzeugungen zu verteidigen. Im Gegenteil verbreitet er mehr und mehr neuen Bullshit, um sich einer notwendigen Rechtfertigung zu entziehen. Und haben die Nachrichten des Bullshitters einmal eine ausreichende Frequenz erreicht, so dient diese Maschinerie als Flucht vor Begründungen. So geht der Bullshitter der Diskussion aus dem Weg.

An diesem Punkt stellt sich für uns Leser eine entscheidende Frage: Wollen wir uns auf dieses Spiel einlassen? Wollen wir den Bullshittern ein Publikum bieten? Wollen wir diesen Menschen vertrauen? Es sind nicht nur Fake News, die unseren Drang zur Meinungsbildung auf eine harte Probe stellen. In dem kritischen Umgang mit Bullshit in den sozialen Medien besteht eine Hauptaufgabe unserer digitalen Zeit.

Zu guter Letzt ein philosophischer Appell: Lasst uns nicht ständig neuen, provozierenden Äußerungen von Bullshittern folgen. Lasst uns deren Wirkung und Absichten reflektieren, lasst uns unterscheiden in Wortbedeutung und Implikatur. Was es hier von uns Lesern braucht, ist kein blindes Folgen, sondern prüfen, hinterfragen, kritisch sein.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars der Justus-Liebig-Universität Gießen am Institut für Philosophie.

Adrian Mertes

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