Das zweite digitale Corona-Semester ist vorbei, das dritte hat schon begonnen. Viel hat sich nicht geändert, wir haben uns mittlerweile an den neuen Alltag gewöhnt. Nach zwei digitalen Semestern sprechen Dozent*innen unserer Universität über ihre Erfahrungen: Was nervt, wie wird momentan geforscht und gibt es trotz allem auch positive Aspekte?

Momentan sieht das Unileben häufig so aus: Man steht morgens auf, holt sich einen Kaffee, öffnet den Laptop und setzt sich – im besten Falle – an den Schreibtisch, um am ersten Seminar des Tages teilzunehmen. Auf dem Bildschirm erscheint eine Handvoll müder Gesichter, das Seminar beginnt mit den Worten „Sooo… Können Sie mich alle hören?“. Dieser Ablauf ist vielen Studierenden vertraut – aber wie sieht es eigentlich bei unseren Dozent*innen aus? Um das herauszufinden, habe ich mit einigen Lehrenden gesprochen und sie gefragt, wie sie mit der digitalen Lehre zurechtkommen.

Veranstaltungsstau 

Mit Dr. Christoph Schanze habe ich über die Forschungstätigkeit in seinem Fachbereich gesprochen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik. Im vergangenen Semester war er in Elternzeit, wird in diesem Sommersemester aber wieder in der Lehre tätig sein. Aufgrund der Pandemie sind viele Tagungen und Veranstaltungen ausgefallen. Alles, was im vergangenen Sommersemester stattfinden sollte, wurde verschoben. Das Problem laut Dr. Schanze: „Eigentlich wurde alles auf dieses Jahr verschoben, da waren natürlich auch schon andere Sachen geplant, vieles davon kann jetzt wieder nicht stattfinden. In der Forschung entsteht da jetzt gerade ein ziemlich übler Stau.“

Auch Prof. Cora Dietl, Professorin für Deutsche Literaturgeschichte, tut sich mit der neuen Art der Forschung schwer: „Normalerweise habe ich Aufsätze halb fertig geschrieben, mich in den Zug gesetzt und bin nach Frankfurt in die Nationalbibliothek gefahren. Da habe ich dann zwei Tage Bulimie-Lesen gemacht, Forschungsliteratur gesichtet und die Sachen fertig gemacht.  Das geht jetzt leider nicht mehr so einfach.“ Jetzt sei alles etwas langwieriger, denn per Fernleihe müsse man manchmal einige Wochen auf einen Titel warten. Wenn man dann feststelle, dass der Titel nichts tauge, sei der Ärger doppelt so groß. 

Im Laufe der Interviews fällt schnell auf, dass alle Lehrenden über den hohen Anstieg ihres Arbeitspensums klagen. Es sei viel zeitaufwendiger, Organisatorisches per Mail zu klären, als kurz persönlich darüber zu sprechen. Auch die Sitzungen vorzubereiten und zu halten erfordere mehr Arbeit, da danach Texte gesichtet, korrigiert und an die Studierenden zurückgeschickt werden müssten. So ein intensives Feedback habe es vor der Pandemie eher selten gegeben, mittlerweile sei das aber die Regel. Was man als Student*in schnell vergisst, ist, dass Dozent*innen eben nicht nur lehren, sondern selbst noch in der Forschung tätig sind und sich in ihrem Fachbereich organisieren müssen – da kommt einiges zusammen.

Kleine Erfolgserlebnisse

Es gab aber auch vieles, das trotzdem gut lief. So konnten Lehrende mittels der digitalen Lehre zum Beispiel an Konferenzen im Ausland teilnehmen und umgekehrt Expert*innen aus anderen Universitäten ohne weite Anreise einfach in das Seminar einladen. 

Das Erstellen und Vertonen von Vorlesungen hat einigen Dozent*innen sogar Spaß gemacht. Prof. Tebruck, Professor für Mittelalterliche Geschichte, hat im vergangenen Sommersemester unterrichtet und seine Vorlesung in Podcasts vertont. Er erzählt: „Das war unheimlich viel Arbeit, aber ich hatte da schon Spaß dran mit dem Mikrophon alles aufzunehmen. Meine Hilfskraft hat das sehr gut gemacht und die Podcasts wurden mit klassischer Musik ein- und ausgeleitet. Wir fanden das prima und waren von uns sehr begeistert“, erzählt er lachend und mit ein wenig Stolz. 

Für die Studierenden von Johannes Kühn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Musikwissenschaft und -pädagogik, war sogar etwas Besonderes möglich. Er hat für seine Studierenden eine Musik-Software organisiert, die sie kostenlos benutzen konnten und auch nach Ende der Veranstaltung weiterhin verwenden können. So können sie auch von zuhause aus Musik machen und produzieren. Überhaupt sieht Johannes Kühn nicht nur Nachteile darin, von zuhause aus zu unterrichten: „Ich sitze hier in meinem eigenen Tonstudio und kann alle Instrumente an den Rechner anschließen und demonstrieren.“ So könne er seinen Studierenden einen größeren Mehrwert bieten und das sei in jeder Veranstaltung sehr positiv angenommen worden. 

Quelle: Ana Paula Kah Acosta
Seit mittlerweile zwei Semestern herrscht in den Vorlesungssälen eine gähnende Leere.

Die Sache mit den Kameras 

Eines der größten Probleme stellt die erschwerte Kommunikation dar, sei es zwischen Kolleg*innen oder in der Kommunikation mit den Student*innen. Die Menschen während der Veranstaltungen ansehen zu können, fehle am meisten, erzählt Prof. Cora Dietl: „Bei der Vorlesung fällt es am stärksten auf. Man lädt die Sachen hoch und fragt sich, warum man immer etwas zu einem festen Termin fertig stellen muss, wenn man gar nicht weiß, ob das überhaupt irgendjemand wahrnimmt. Am Anfang hab ich mich ein bisschen geärgert, aber am Ende dann doch gefreut, wenn ich zumindest ein Feedback bekommen habe, wenn etwas technisch nicht funktioniert hat.“

Die ausgeschalteten Kameras in Seminaren und Vorlesungen erschweren das Ganze erheblich. Es sei einerseits anstrengend, immer nur mit seinem Spiegelbild zu sprechen, und andererseits wisse man nie, was bei den Studierenden am Ende auch ankommt: „Mir ist klar geworden, wie sehr Kommunikation eben nicht nur sprachlich verläuft, sondern auch durch Körpersprache und Mimik“, erzählt Prof. Ulrike Weckel, Professorin der Fachjournalistik Geschichte, „Das erklärt diese Ungeduld mit den nicht eingeschalteten Kameras: Man fühlt sich ziemlich im Regen stehengelassen, wenn man nicht weiß, wie das ankommt, was man sagt.“

Auch auf kollegialer Ebene sei die Kommunikation erschwert. Was früher schnell über den Flur oder in einer Kaffeepause besprochen wurde, müsse jetzt per Mail geklärt werden. Das sei besonders in Konfliktsituationen schwierig, berichtet Prof. Stefan Tebruck: „Man merkt sehr deutlich, dass diese Situation den Diskussionen und der Gremien-Arbeit, wo ja auch Probleme oder Konflikte gelöst werden müssen, im Weg steht. In Situationen, in denen es ein bisschen schwieriger wird, sind Mails unglaublich ambivalent, weil dann oft Dinge geschrieben werden, die in einem direkten Gespräch so nicht gesagt werden würden. Das hab ich mehrmals erlebt und das hat mir richtig zu schaffen gemacht.“

Die Luft ist raus

Insgesamt sind also die Erfahrungen unserer Dozent*innen ähnlich wie die unsrigen: Digitale Lehre geht, sie kann auch Spaß machen – meistens ist sie aber ziemlich nervig. Oft fehlt die Motivation, sich für die Uni aufzuraffen; es gibt deutlich mehr zu tun und am meisten fehlt es, in Diskussionen ein direktes Feedback von anderen zu bekommen. Prof. Ulrike Weckel fasst ihre Erfahrungen mit der digitalen Lehre so zusammen: „Man merkt erst so allmählich, wie viel Energie man aufwenden muss. Am Anfang war, glaube ich, bei vielen von uns eine gewisse Neugier da: Wie kann das gehen? Und dann auch Euphorie, nachdem die erste Vorlesung digitalisiert war und es irgendwie zu klappen schien – das ist jetzt alles verflogen. Mittlerweile ist ziemlich die Luft raus.“ Was sich einige Lehrende wünschen, ist mehr Anerkennung aus der Unispitze. In allen Interviews wurde deutlich, dass lobende Worte in den Grußbotschaften und Rundmails zwar sehr nett seien, aber  nichts an den Anstrengungen änderten, die es momentan brauche, um eine erfolgreiche Lehre zu organisieren. 

Es hat sich also auch bei unseren Lehrenden eine neue Form der Lehre und Forschung entwickelt. Der Kontakt zwischen Kolleg*innen wird in Chatgruppen verlegt, der Tag besteht häufig nur noch aus Videokonferenzen. Wer sich für seine Veranstaltungen Mühe gibt, verdoppelt seine Arbeit. 

Viel verändern oder verbessern ließe sich an der momentanen Situation aber nicht, sagen die Dozent*Innen in den Interviews. Insgesamt bleibe ihnen nur eines übrig: Das Beste aus der Situation zu machen und zu hoffen, dass das Ganze bald ein Ende hat. Prof. Tebruck erklärt: „Wir mögen unsere Student*Innen eigentlich und haben sonst einen guten Draht zu einem erheblichen Teil. Das macht schon einen gewissen Leidensdruck, nicht nach dem Seminar zwischen Tür und Angel mit ihnen sprechen zu können. Die Freude am Lehren bricht nicht weg, aber der Leidensdruck wird größer.“

Ana Paula Kah Acosta
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