„Und was willst du dann später mit deinem Studium machen?“ – eine Frage, die man besonders als Student*in der Geisteswissenschaften oft zu hören bekommt. Wirklich unangenehm wird es, wenn man auf die Frage keine Antwort weiß. Die Zukunft als Taxifahrer*in ist damit in vielen Augen schon vorbestimmt. Ähnlich ging es Cristina Sasse: Sie studierte Gymnasial-Lehramt mit den Fächern Geschichte und Englisch an der JLU. Nach ihrer Promotion in Geschichte folgte dann ein ungewöhnlicher Schritt: Sie ging in die Unternehmensberatung. In diesem Interview erzählt sie über ihre Zeit als Studentin, ihren Einstieg in das Berufsleben und warum man als Historiker*in doch mehr Möglichkeiten hat, als man oft denkt.

Manches ist einfach Zufall

Universum: Frau Sasse, welchen Berufswunsch hatten Sie während Ihres Studiums?

Cristina Sasse: Das war eigentlich eher diffus. Ich wusste schon immer, dass ich etwas Geisteswissenschaftliches machen möchte. Aber ich habe – wie viele andere auch – mit Geisteswissenschaften etwas sehr Unkonkretes und Brotloses verbunden. Mit Lehramt hatte ich die Illusion, dass es konkreter wird. Ist es auch: Am Ende gibt es einen viel klareren Abschluss und man weiß eher, was man dann damit macht. Es war für mich im ganzen Studium unklar, ob ich dann in die Schule gehe oder nicht. Ich bin da aber auch nie so ein Stratege gewesen.

Universum: Wie kam es daraufhin zu Ihrer Promotion?

Cristina Sasse: Bei mir gab es einen sehr schnellen Übergang, weil ich ein paar Monate bevor ich meine Examensprüfung hatte, das Angebot zur Promotion bekommen habe. Das heißt, ich hatte zwischen dem Examen und dem Stellenbeginn sechs Wochen Zeit, das ging super schnell. Ich hatte mir aber vorher schon Gedanken gemacht, ob ich promovieren will oder mich für ein Referendariat bewerbe. Da hatte ich dann nicht so einen langen Prozess, wie das ja häufiger passiert.

Universum: Wie kam es dazu, dass Sie sich für die Unternehmensberatung entschieden haben? 

Cristina Sasse: Während des Studiums habe ich als Hilfskraft gearbeitet und einer meiner HiWi-Kollegen ist nach dem Magister in die Unternehmensberatung gegangen. Ich habe mit ihm darüber geredet und fand das ganz spannend, was er erzählt hat. 

An der Uni hat man eben meistens befristete Verträge, bei denen man weiß, wann sie auslaufen. Ich habe mich sehr lange, bestimmt ein Jahr, immer wieder in alle möglichen Richtungen beworben.

Nach einiger Zeit hab ich das Feld dann erweitert und habe in anderen Bereichen geschaut – unteranderem im Beratungsbereich. Wenn man in dem Bereich nicht so drin ist, weiß man oft gar nicht, wonach man schauen soll, gerade weil es eben so ein großes Angebot gibt. Vor allem gibt es viele kleinere Unternehmen, die man nicht einfach googeln kann. 

Wie ich dann genau auf die Stelle gekommen bin, weiß ich selber nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass es meine letzte Woche an der alten Stelle war und ich in der Woche relativ verzweifelt mehrere Bewerbungen abgeschickt habe. Über mehrere Links bin ich dann in ein Stellenportal gekommen und habe eine Ausschreibung von meinem jetzigen Chef gesehen. Er hatte dann als einziger auf meine Bewerbung geantwortet. Manches ist auch einfach Zufall. 

Schlüsselkompetenzen

Universum: Wie kann man sich die Arbeit als Projektmitarbeiterin in einer Unternehmensberatung vorstellen?

Cristina Sasse: Es kommt erstmal darauf an, was es für eine Unternehmensberatung ist; wie klein oder groß sie ist. Ich war zum Beispiel die zweite Person, die mein Chef eingestellt hat, weil das Unternehmen noch so jung ist. Bei uns geht es viel um Kommunikation und Hintergrundrecherche. Aber es hat sich in den letzten neun Monaten, in denen ich angefangen habe auch immer wieder viel verändert, da das Unternehmen noch im Aufbau ist. 

Es ist auf jeden Fall sehr abwechslungsreich. Wenn man morgens den Rechner an macht, weiß man nie so recht, was passieren wird.

Universum: Gibt es Schnittstellen zwischen dem Beruf als Unternehmensberaterin und als Historikerin? Gibt es vielleicht auch etwas, das Sie im Studium gelernt haben, das Ihnen jetzt weiter hilft? 

Cristina Sasse: Das habe ich schon in der Suchphase bemerkt, es gibt eigentlich ziemlich viele Ähnlichkeiten. Als Historiker*in geht man, wenn man forscht, in eine unbekannte Situation. Man schaut sich Quellen an und versucht zu verstehen, wer die Handelnden sind. Das ist zum Beispiel eine Sache, die mehr oder weniger in der Beratung ähnlich ist. Gerade am Anfang hört man erstmal nur zu und muss die richtigen Fragen stellen. Dann kommt das, was Historiker*innen nie tun würden: Einen Ratschlag geben und eine Problemlösung entwickeln. 

Die andere Seite ist das Informationen zusammentragen und -fassen; schnell durchdringen, um was es geht. An der Uni hat man für solche Recherchetätigkeiten meistens viel Zeit, jetzt brauche ich die Sachen aber schnell. 

Das sind für mich Schlüsselkompetenzen, die man wahrscheinlich auch in anderen Geisteswissenschaften lernt. Das ist ja das Schöne daran: Sie sind universal einsetzbar. 

Die Augen und Ohren offen halten

Universum: Wenn Sie sich jetzt entscheiden könnten, würden Sie dann das Gleiche nochmal studieren oder lieber einen Studiengang wählen, der einen konkreteren Plan für die Zukunft bereit hält? 

Cristina Sasse: Nein, ich würde definitiv wieder dasselbe studieren. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre es wieder Geschichte. Es ist vielleicht unfair, weil ich die anderen Fächer noch nicht studiert habe. Aber ich habe auch als Studentin immer gedacht, wie cool das Studium ist, weil es eben so universal ist.

Universum: Man hört ganz oft, dass man als Geschichtsstudent*in als Taxifahrer*in endet. Was halten Sie davon?

Cristina Sasse: Das ist komplett überholt. Ich glaube das hat sich aus den 80er Jahren  tradiert – da mag das vielleicht auch so gewesen sein, jetzt ist das aber anders. Ich glaube 

man muss sich bewusst sein, dass man nicht genau das weiter machen wird, was man studiert hat. Aber das ist auch nicht der Sinn des Studiums. Die Wenigsten bleiben an der Uni. Das wäre auch gar nicht sinnvoll, so viele Historiker*innen brauchen wir wirklich nicht. Aber Menschen, die als Historiker*innen ausgebildet sind, sind glaube ich mittlerweile sehr gefragt auf dem Arbeitsmarkt. 

Universum: Noch eine letzte Frage: Was würden Sie Student*innen raten, die noch nicht wissen, was sie später machen sollen?

Cristina Sasse: Ich glaube, ich war die meiste Zeit meines Studiums ratlos und habe solche Gedanken nach hinten geschoben und einfach mein Studium genossen. Das ist deswegen gar nicht so einfach zu sagen. Ich denke es ist gut, immer die Augen und Ohren offen zu halten. Gerade, wenn man Menschen in seinem Umfeld hat, die schon arbeiten. Das würde ich immer nutzen und einfach nachfragen. Da bekommt man einen Einblick, in das, was die Leute so machen und wie sie da hin gekommen sind

Ana Paula Kah Acosta
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